CVP-Nationalrätin Ruth Humbel wäre vermutlich eine kompetente, würdige Ständerätin für den Aargau, da sie in Bundesbern zu den politischen Schwergewichten gehört.

Deshalb war ihre Enttäuschung am Sonntag gross und vor der TV-Kamera flossen sogar ein paar Tränen, weil sie abgeschlagen auf Platz 4 landete: SP-Ständerätin Pascale Bruderer wurde mit 104 687 Stimmen äusserst glanzvoll wiedergewählt. SVP-Kandidat Hansjörg Knecht erhielt 77 255 Stimmen, FDP-Präsident Philipp Müller 71 445 und Ruth Humbel nur gerade 33 900.

Humbel hat vor den Wahlen angekündigt, dass sie sich bei einem Abschiffer zurückziehen könnte. Umso grösser war deshalb am Mittwoch die Überraschung, als sie verkündete, sie trete nun doch zum zweiten Wahlgang vom 22. November an. Man kann diesen Entscheid für mutig halten. Man kann ihn aber auch für ungeschickt halten.

Denn die Chance ist gross, dass nun die Stimmen der bürgerlichen Mitte auf Ruth Humbel und Philipp Müller aufgeteilt werden – und Hansjörg Knecht als lachender Dritter aus dem Rennen geht. Oder wie FDP-Grossrat Titus Meier twitterte: «Das Rezept für einen SVP-Ständerat im Aargau scheint gefunden: Ruth Humbel tritt nochmals an.»

Ausgleich zwischen National- und Ständerat

Die SVP ist die grosse Gewinnern der Wahlen – schweizweit, aber im Aargau ganz besonders: Landesweit gewinnt sie 11 Sitze und stellt neu 65 Nationalräte. Im Aargau kommt sie auf 38 Prozent Wähleranteil und stellt künftig fast die Hälfte der Nationalräte: 7 von 16.

Das alles sind Werte historischen Ausmasses. Das Volk hat gesprochen. Gleichzeitig ist der Schweizer Stimmbürger traditionellerweise auf Ausgleich aus, auf ein Gleichgewicht der Kräfte, und so dürfte es kaum Zufall sein, dass im Parlament künftig der Ständerat zum Korrektiv des Nationalrats wird. Oder wie es die «NZZ» formulierte: «Im Ständerat verfügt Mitte-Links über Veto-Potenzial, im Nationalrat die rechten Parteien.»

Gut möglich, dass eine Mehrheit ein solches Korrektiv auch für den Aargau will. Wem aber sollen Wähler jetzt ihre Stimme geben, die nicht wollen, dass die SVP auch noch die Hälfte der Aargauer Ständeratsmacht übernimmt?

Sollen sie auf Müller setzen oder auf Humbel? Knecht hat im ersten Wahlgang 43 Prozent der Stimmen geholt, also sogar leicht mehr als seine Partei.

Sein Potenzial ist, auf diesem hohen Niveau, wohl ausgeschöpft. Deshalb sei die Prognose gewagt: Sowohl Müller als auch Humbel würden Knecht überholen, wenn sich ihre beiden Parteien auf einen einzigen Kandidaten einigen würden.

Inhaltlich würde das Sinn machen. In vielen entscheidenden Fragen – Umsetzung der Einwanderungsinitiative, bilaterale Verträge, Flüchtlingspolitik etc. – verläuft der Graben innerhalb des bürgerlichen Lagers zwischen SVP und den anderen. Und nicht zwischen FDP und CVP.

Die eigenen Ambitionen stehen über allem Gerade die CVP predigt oft über die Wichtigkeit der konstruktiven Kräfte in der bürgerlichen Mitte. Und die FDP betont gern ihre gewichtigen Differenzen zur SVP.

Bloss stellt sich da die Frage: Warum um Himmels willen einigen sich die beiden Mitte-Rechts-Kandidaten Müller und Humbel nicht, wer von beiden antritt? Warum stellen sie ihr Ego über eine Lösung, die dem Wähler eine klare Entscheidung ermöglicht: SVP oder bürgerliche Mitte?

Für einen Kandidaten Müller und einen Rückzug Humbels spricht der deutliche Vorsprung von Müller. Für das umgekehrte Szenario spricht die Tatsache, dass die FDP dank Listenverbindung und CVP-Stimmen einen dritten Nationalratssitz erhalten hat.

So aber ist die Rechnung einfach: Rund 40 Prozent der Aargauer wählen SVP und damit Knecht. 60 Prozent wählen nicht SVP – macht also je rund 30 Prozent für Müller und Humbel. So weit die Theorie. Die Praxis zeigt bei Wahlen dann immer wieder, dass es erstens anders kommt, und zweitens, als man denkt.

So oder so wird die CVP bei diesen Wahlen in die Geschichte eingehen. Entweder als Partei, die die Sensation geschafft und wider Erwarten den Ständeratssitz zurückerobert hat.

Oder als diejenige Partei, die alles vermasselt hat, was man vermasseln kann: zuerst den eigenen Sitzgewinn, den sie ohne Listenverbindung mit FDP und SVP hätte verbuchen können; dann einen Ständerat aus der bürgerlichen Mitte. Und bei den Grossratswahlen 2016 könnte sie für ihr jetziges Schielen nach linken Stimmen grad nochmals abgestraft werden.