Sein Entscheid, per 28. Februar, 20 Uhr, zurückzutreten, trägt für einmal zu Recht das Attribut «historisch» oder gar «epochal». Schliesslich ist es das erste Mal seit 719 Jahren, dass ein Papst nicht im Amt verstirbt, sondern freiwillig geht.

Für seinen Entscheid erntet der deutsche Papst mehr Beifall als für sein gesamtes bisheriges Schaffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel zollte ihm «allerhöchsten Respekt» - Worte, mit denen dieser Papst selten bedacht wurde. Selbst Menschen, die ihn ansonsten hart kritisieren, sagten fast gerührt: «Zum ersten Mal ist er mir richtig sympathisch.»

Der Rücktritt Benedikts XVI. wird das Amt wohl stärker verändern, als heute absehbar ist. «Vom Kreuz steigt man nicht», lautete die Devise von Vorgänger Johannes Paul II. - und die ganze Welt war über Jahre hinweg Zeuge, wie der an Parkinson erkrankte Papst langsam im Amt verstarb. Die Medizin kann heute Menschen sehr lange am Leben erhalten; auch einen Papst, der seine Aufgabe längst nicht mehr erfüllen kann. Hier sorgt Benedikt XVI. nun für eine Zäsur. «Die Zeit» schreibt zu Recht: «Papstsein wird ein wenig mehr Beruf, ein bisschen weniger Berufung. Der Papst holt sein Amt ein wenig näher vom Himmel auf die Erde.»

Keine Aufgabe ist mit derjenigen des Papstes vergleichbar. Die Frage nach dem richtigen Rücktritt jedoch stellt sich allen Menschen in einer exponierten Funktion - Politikern, Wirtschaftsführern, aber auch Sportlern. Und da verhält es sich wie mit dem Aktienmarkt: Nur wenige steigen zum idealen Zeitpunkt aus. Der deutsche Historiker Michael Philipp, der zum Thema «Rücktritt» ein Buch geschrieben hat, sagt es so: «In völliger Freiwilligkeit abzugehen, gelingt den Wenigsten. Diese Leistung ist beeindruckend, weil sie ein Zeichen von Selbstdistanz und Realitätsbewusstsein ist; beides ist unter Politikern nicht eben verbreitet.»

Viele klammern sich an ihr Amt, bis sie irgendwann den richtigen Abgang verpasst haben. In allen Bereichen gibt es positive und negative Beispiele: Queen Elizabeth II sitzt auch mit 86 fest auf ihrem Thron - die niederländische Königin Beatrix dagegen übergibt zu ihrem 75sten ihrem Sohn Willem Alexander. Adolf Ogi trat bereits 58-jährig und als populärer Bundesrat zurück - bei Moritz Leuenberger dominierte die Frage nach dem Rücktritt unerträglich lange, bis er nach 15 Jahren endlich ging. Rennfahrer Michael Schumacher zerstörte seinen Mythos mit einem missratenen Comeback selber - Skirennfahrer Didier Cuche ging auf dem Höhepunkt seiner Karriere und wird heute schmerzlich vermisst. Der damalige UBS-Präsident Marcel Ospel bezeichnete sich auch dann noch als «Teil der Lösung», als er selber längst zum grössten Problem geworden war - Ex-«Zurich»-Chef James Schiro ist das Gegenbeispiel: Er übernahm den Konzern 2002 in Schieflage, sanierte ihn und trat 2009 ohne Aufhebens und zum Bedauern aller wieder ab.

«Ein guter Abgang ziert die Übung», schrieb der deutsche Dichter Friedrich Schiller schon vor über 200 Jahren. Für viele indessen ist dieser Teil der Übung der schwierigste. Dabei besteht wahre Führungsqualität auch darin, sich selber kritisch zu hinterfragen. Und zu erkennen, was das Beste ist. Nicht nur für sich selber, sondern auch für das Amt. Da könnten sich auch jene ein Beispiel an Benedikt XVI. nehmen, die sonst nichts mit der Kirche am Hut haben.