Wochenkommentar

Der liberale Arbeitsmarkt hat trotz Alstom-Abbau Vorteile

Christian Dorer
Stellenabbau-Rad in der Industrie: Die Ankündigung von Alstom weckt Befürchtungen, dass sich solche Hiobsbotschaften in den kommenden Monaten häufen könnten.

Stellenabbau-Rad in der Industrie: Die Ankündigung von Alstom weckt Befürchtungen, dass sich solche Hiobsbotschaften in den kommenden Monaten häufen könnten.

«Unsere Politiker sollten weniger so tun, als ob sie die wirtschaftlichen Entwicklungen direkt beeinflussen könnten», meint Chefredaktor Christian Dorer in seinem Wochenkommentar über die Streichung von 1300 Stellen bei Turbinenhersteller Alstom.

Der grösste Stellenabbau in der Schweiz seit 15 Jahren schockiert. Die Unsicherheit bei den 5500 Alstom-Angestellten belastet, weil sie nicht wissen, wen es treffen wird. 1300 Stellen sollen wegfallen, hinter jeder Stelle steht ein Mensch, von jeder Stelle leben auch Zulieferer, Restaurants, Läden und der Fiskus.

Für die Schweiz ist der Abbau bedeutend. Für General Electric, den neuen Besitzer von Alstom, ein Klacks – was kümmern einen Weltkonzern mit mehr als 300 000 Mitarbeitern 1300 Jobs in der Schweiz? Da hat eine Konzernspitze per Federstrich europaweit 6500 von 35 000 Stellen gestrichen, weil das Turbinen-Geschäft harzt. Die Schweiz ist überproportional betroffen. Hier fällt jede vierte Stelle weg, europaweit jede sechste.

Deshalb stellen Gewerkschaften und Kritiker unseres liberalen Arbeitsmarktes fest: In der Schweiz sei es eben besonders einfach, Stellen zu streichen. Frankreich wird plötzlich als Vorbild genannt, weil Alstom dort weniger abbaut. In der Tat ist es praktisch ein Ding der Unmöglichkeit, in Frankreich Leute zu entlassen – oder dann kommt es ein Unternehmen enorm teuer zu stehen.

Im Fall Alstom zeigt sich die Schattenseite des liberalen Arbeitsmarktes. Viel bedeutender aber ist die Sonnenseite: Die Unternehmen stellen auch rasch Leute ein, wenn es gut läuft.

Gerade Alstom wurde lange als Jobmacher der Nation gefeiert – alleine 2001 schuf der Kraftwerkbauer 937 neue Stellen. Unternehmen können auch mal einer jungen Person eine verantwortungsvolle Stelle anvertrauen.

Kommt es gut, ist es umso besser für beide Seiten. Geht es schief, kann man sich trennen. Eine Firma in Frankreich hingegen weiss, dass sie diese Person bis zur Pensionierung nicht mehr loswird. Also stellt sie sie gar nicht erst ein. Innovation, Unternehmertum und Risikobereitschaft werden abgewürgt.

Der Wirtschaftsminister hat nichts zu melden

Frankreich im Zusammenhang mit Wirtschaft auch nur im entferntesten als Vorbild zu nennen, ist absurd. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 10,5 Prozent (in der Schweiz sind es 3,7). Die 35-Stunden-Woche macht den Standort teuer und ineffizient.

Nur etwas machen die Franzosen besser: Ihre Regierung setzt sich geradezu militant für Arbeitsplätze ein, wenn es sein muss. Daneben wirkt Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann besonders hilflos.

Im Juli sagte er, er sei «zuversichtlich, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben». Jetzt findet er, man müsse für den Abbau «ein gewisses Verständnis haben». Vielleicht müsste er einfach eingestehen, dass der Schweizer Wirtschaftsminister in den Überlegungen des Grosskonzerns keine Rolle spielt.

Geradezu beschämend verhält sich alt Bundesrat Joseph Deiss, der an der Spitze von GE Schweiz steht: Seit Mittwoch ist er abgetaucht. Dabei lernt bereits ein Korporal: Wenn es brennt, muss der Chef hinstehen. Das tun immerhin die Kantonsbehörden und machen das Einzige, was in ihrer Macht steht: Sie setzen eine Task-Force ein, um den Betroffenen zu helfen.

Gut möglich, dass es am Ende nicht so dick kommt wie derzeit befürchtet. Inoffiziell rechnet man beim Kanton damit, dass am Schluss 200 bis 300 Leute ohne neuen Job dastehen und arbeitslos werden. Denn oft wird weniger abgebaut als angekündigt. Zudem beschäftigt Alstom viele Ingenieure. Sie sind begehrt – auch dank des liberalen Arbeitsmarktes.

Deshalb sollten unsere Politiker weniger so tun, als ob sie die wirtschaftlichen Entwicklungen direkt beeinflussen könnten. Sondern dafür sorgen, dass die Schweiz attraktiv bleibt.

Internationale Konzerne kommen nicht aus Sympathie, sondern weil sie Fachleute finden, weil Schweizer produktiv arbeiten, weil die Infrastruktur funktioniert, weil Steuern und Regulierungen einigermassen moderat sind und weil eben der Arbeitsmarkt liberal ist.

Die Schweiz ist gerüstet für die digitale Revolution

Diese Trümpfe müssen wir erhalten. Nur so sind wir gewappnet für die digitale Revolution, die «wie ein Tsunami über alles hinwegfegt und jede Branche verändert», wie es WEF-Gründer Klaus Schwab formuliert. Wir alle müssen uns für die Zukunft auf mehr Veränderungen einstellen. Eine europaweite Studie der Strategieberatung Roland Berger kommt zum Schluss, dass die Schweiz da besonders gut aufgestellt ist, weil sie «neue technologische Möglichkeiten in einem hocheffizienten Gesamtsystem kombiniert».

Und wie ist das in Frankreich mit der digitalen Revolution? Ein Beispiel aus den Redaktionen: Dort können Printjournalisten rechtlich nicht einmal dazu verpflichtet werden, auf dem Online-Portal ihres Zeitungstitels zu publizieren ...

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Christian Dorer

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