«Als Isaak sein Kind hätte opfern sollen, da hatte er schon sein Messer gezogen … Nur ist dann dort ein Engel erschienen und hat gesagt: Nein! Aber hier ist kein Engel gekommen. – Engel sind ja Gottes Geschichtenerzähler. Der Glaube ist schwierig, wenn es still ist.»

Pfarrer Christian Bühler, gestern an der Trauerfeier in Rupperswil

Warum mussten Carla Schauer, ihre Söhne Davin und Dion sowie dessen Freundin Simona am Montag vor Weihnachten sterben? Wer sind die Mörder, die vier Menschen mit unbeschreiblicher Brutalität erstochen und angezündet haben? Was ist das Motiv? Kein Thema treibt die Menschen im Aargau derzeit mehr um als dieses Verbrechen. Weil es das grösste und mysteriöseste ist in der Geschichte des Kantons. Weil die Welt klein ist – fast jeder kennt jemanden, der mit den Opfern oder deren Familien verbunden war. Vor allem aber fragt sich jeder: War es ein Raub und damit ein Zufallsverbrechen, hätte es also jeden von uns treffen können?

Geradezu im Schockzustand befindet sich die Gemeinde Rupperswil, wo die Opfer verankert waren. Gemeindeammann Rudolf Hediger fand gestern an der hochemotionalen Trauerfeier die richtigen Worte, als er sagte: «Wir alle sind erschüttert über die Gräueltat. Wir alle sind fassungslos über das, was passiert ist. Wir alle sind verunsichert und wissen kaum, wie wir uns verhalten müssen.»

Ein Mord ist immer eine schreckliche Tat. Wenn aber die Umstände völlig im Dunkeln liegen, wenn jede Theorie nicht aufgeht, wenn wir wissen, dass die Mörder frei herumlaufen – dann kommt eine zusätzliche Dimension hinzu. Forensiker wälzen verschiedene Theorien: Die einen schliessen auf eine akribisch geplante Tat und ein Beziehungsdelikt. Andere auf einen Raubüberfall, der eskalierte. Und nochmals andere auf Auftragskiller.

Alles Spekulation – was verständlich ist, wenn Menschen nach Antworten suchen. Und doch: Mit wem man auch spricht – kaum jemand kann sich vorstellen, dass die Tat völlig zufällig erfolgte. In der Schweiz gab es noch nie ein derartiges Verbrechen. Kriminaltouristen vermeiden die Konfrontation. Erpresser finden potentere Opfer und geeignetere Orte als ein dicht besiedeltes Quartier in einem Dorf, wo Fremde auffallen. Wer ein paar Zehntausend Franken erbeuten will, killt nicht noch rasch vier Menschen.

Jetzt braucht es Vertrauen in die Ermittler

Offiziell ist wenig bekannt. Die Behörden schweigen zu den offenen Fragen: Welche Überlegungen stellen die Ermittler an? Was ist auf Videoaufnahmen zu sehen? Was hat es mit den beiden Männern auf sich, die sich in Wohlen angeblich wegen Stichverletzungen behandeln liessen? Warum gibt es keinen Fahndungsaufruf?

Das Interesse der Öffentlichkeit ist logisch. Wir Medien haben die Aufgabe, die Arbeit von Behörden kritisch zu hinterfragen und auf Informationen zu pochen. Und doch braucht es im Moment Verständnis für die zurückhaltende Informationspolitik und Vertrauen in die Arbeit von Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht und seinem Team. Es tönt einleuchtend, wenn er sagt: «Wir wollen nicht, dass der Täter über die Medien erfährt, was wir wissen. Und wir wollen nicht, dass der Täter uns auf falsche Fährten bringt, wenn wir ihn dann mal gefasst haben.» In einem Prozess muss eine Tat bewiesen werden. Wenn es also erst mal einen Verdächtigen gibt, dann reichen Indizien nicht aus. Dann muss er überführt werden. Und das gelingt in einem Verhör eher, wenn es Wissen gibt, das nur der Täter haben kann.

Das alles war zum Beispiel beim Mord am 16-jährigen Au-pair-Mädchen Lucie 2009 in Baden anders: Der Mörder war gefasst und geständig. Da konnten die Behörden im Detail informieren – und taten es auch.

Gleichzeitig stellt sich eine andere Frage: Sind die Aargauer Ermittlungsbehörden in der Lage, einen derart komplexen und einzigartigen Fall zu lösen? Sind sie Profis genug? Denken sie an alles? Oder gelangen wir an die Grenze des Föderalismus?
Diese Fragen sind von aussen schwer zu beurteilen.

Immerhin: Hört man sich in Ermittlerkreisen um, so stimmt einen das optimistisch. Über hundert Mann wurden nach der Tat zusätzlich aufgeboten, um allen Hinweisen rasch nachzugehen. Alle nicht absolut dringenden Aufgaben werden derzeit liegengelassen. Ausserkantonale Experten helfen mit. Erkenntnisse werden auswärtigen Teams für eine unabhängige Zweitmeinung unterbreitet. Vor allem aber: Der Ehrgeiz, diesen Fall zu lösen, ist bei allen ungeheuer gross.

2014 wurden in der Schweiz 95,4 Prozent aller Morde aufgeklärt; im Aargau gibt es nur zwei ungeklärte Tötungsdelikte (1996 wurde eine Autostopperin tot in Spreitenbach gefunden, 2009 ein Mann auf der Aarebrücke Koblenz). Die Fahnder haben in Zeiten hochmoderner Technik zusätzliche Möglichkeiten: Immer mehr Autos verfügen über Dashcams, öffentliche Orte werden videoüberwacht, Handys können geortet werden, moderne Satelliten erkennen ein fallengelassenes Portemonnaie auf der Strasse, DNA-Spuren identifizieren Täter zweifelsfrei, etc. Zudem leistet auch Kommissar Zufall immer mal wieder einen Beitrag.

Gleichzeitig muss die Polizei bei steigender Bevölkerungszahl mit weniger Geld auskommen. Längst ist nicht mehr sichergestellt, dass jede Anzeige so behandelt werden kann, wie sie müsste. Selbst bei den Sylvester-Übergriffen auf Frauen in Köln, die ganz Deutschland aufwühlen, zeigt sich, dass die Polizei aus Kapazitätsgründen nicht mehr imstande ist, alle ihre Aufgaben wahrzunehmen.

Der Vierfachmord von Rupperswil muss um jeden Preis aufgeklärt werden. So viele Leute wie nötig müssen so lange darauf angesetzt werden, bis die Täter gefasst sind. Die Aufklärung eines solchen Verbrechens ist eine Ur-Aufgabe des Staates – koste es, was es wolle. Hier wird bestimmt niemand wiedersprechen. Erst recht kein Politiker. Sie sollen sich dann aber bitteschön auch dann daran erinnern, wenn es mal wieder um Budgetkürzungen geht: Gemäss aktuellem Sparprogramm soll die Polizei gegen drei Millionen Franken weniger erhalten.

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Grafik: Elia Diehl

CartoDB: Vierfachmord von Rupperswil

War es ein Wiederholungstäter? Der bekannte Forensiker Frank Urbaniok vermutet, dass der Täter von Rupperswil wahrscheinlich nicht zum ersten Mal gemordet hat. (Tele M1, 27.12.2015)

War es ein Wiederholungstäter? Der bekannte Forensiker Frank Urbaniok vermutet, dass der Täter von Rupperswil wahrscheinlich nicht zum ersten Mal gemordet hat. (Tele M1, 27.12.2015)

«Ich bin mit ihnen aufgewachsen – ich bin traurig, aber auch hässig»: Rupperswil nimmt Abschied von Familie Schauer.

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