Am Dienstag erschüttert die Nachricht vom Absturz einer Germanwings-Maschine und 150 Toten in den französischen Alpen ganz Europa.

Zwei Tage später wird aus Erschütterung blankes Entsetzen: Wenn es sich tatsächlich so abgespielt hat, wie die Ermittler sagen, dann hat der 27-jährige Co-Pilot den Captain aus dem Cockpit ausgeschlossen, einen Sinkflug eingeleitet und seelenruhig gewartet, bis die Maschine an den Felsen zerschellte.

Inzwischen weiss man, dass der Co-Pilot ärztlich krankgeschrieben war, dies aber geheim hielt und seinen Dienst trotzdem antrat. Was ihn zum Massenmord bewogen hat – dieses Wort trifft die Tat besser als Selbstmord –, werden wir vielleicht nie erfahren.

Man kann sich nicht vorstellen, was die Angehörigen der Opfer durchmachen. Auch wenn nichts Tote wieder lebendig macht: Mit allen anderen Ursachen könnten sie eher klarkommen – einem technischen Defekt, einem Fehler des Piloten, einer Nachlässigkeit der Mechaniker, und ja: selbst einem Terroranschlag.

Aber ein bisher unbescholtener, zuverlässiger Co-Pilot mit tadellosem Leumund, der seine Passagiere bewusst in den Tod mitreisst?

Noch verrückter ist nur die Situation der Angehörigen der Passagiere von MH370, jenem Flug von Kuala Lumpur nach Peking, der am 8. März 2014 vom Radar verschwand und seither nicht wieder auftauchte.

Dieser Fall ist das grösste Rätsel in der bisherigen Geschichte der Luftfahrt. Doch auch hier steht fest: Ohne Mitwirken eines der beiden Piloten hätte das Flugzeug nicht verschwinden können.

Was, wenn wir unseren Piloten nicht mehr trauen?

Es gibt eindrückliche Zahlenspiele, die zeigen sollen, wie sicher die Fliegerei ist. Gemäss dem Statistischen Bundesamt Deutschlands verunglücken pro eine Milliarde Kilometer 406 Menschen in Autos (wobei besonders viele tödlich), 274 in Eisenbahnen und nur 32 in Flugzeugen.

Pro Jahr gibt es rund 30 Millionen zivile Flüge – das entspricht 83 000 pro Tag und einem pro Sekunde. Da erstaunt es, dass nicht mehr abstürzen.

Und trotzdem: Wenn die Passagiere plötzlich zweifeln, ob ihr Pilot sie wirklich ins Ferienparadies fliegt, dann hätte dieser Vertrauensverlust verheerende Folgen für die Luftfahrt. Gegen irrationale Ängste nützen rationale Zahlen nichts.

Der Gerichtspsychiater Josef Sachs sagt über den Co-Piloten und dessen Tat: «Die spektakuläre und verheerende Art und Weise, wie der mutmassliche Selbstmord begangen wurde, könnte eine Abrechnung mit der Welt sein.» Falls der Co-Pilot mit einem Maximum an Schaden und Aufmerksamkeit aus dieser Welt gehen wollte, dann hat er sein Ziel erreicht. Hoffen wir bloss, dass es jetzt keine Nachahmer gibt.

Der Mensch will alle Risiken eliminieren

Wir leben in einer Welt, die keine Risiken mehr toleriert. Das verstärkt den Schock über eine solche irrationale, unsinnige Tat, und wir versuchen sofort, mit einer neuen Regel das neu erkannte Risiko zu eliminieren. Natürlich soll man Lehren ziehen – bloss soll man nicht meinen, damit alle Gefahren bannen zu können. Das zeigt das neuste Unglück auf tragische Weise: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden weltweit alle Cockpits mit Panzertüren ausgestattet, damit sich kein Terrorist mehr Zugang verschaffen kann.

Diese Massnahme hat es dem Co-Piloten erst ermöglicht, den Captain auszusperren. Gestern führten deshalb viele Airlines die «Zwei-Personen-Regel» ein: Verlässt einer der beiden Piloten das Cockpit, so muss ein Crewmitglied rein. Dagegen ist nichts einzuwenden – doch was soll eine Flight Attendant tun, wenn der verbleibende Pilot abrupt einen Sturzflug einleitet?

Die «FAZ» propagierte gestern gar das automatische Flugzeug, weil so das Restrisiko Mensch ausgeschlossen würde. Schön – doch was, wenn jemand den Computer hackt?

Wir müssen nicht in Panik verfallen. Aber wir sollten ebenso wenig der Illusion erliegen, wir könnten alle Risiken ausschalten. Denn der Mensch ist das grösste Risiko. Und ihn kann man nicht abschaffen.