Das Wetter

Das am meisten diskutierte Thema der Welt

Christian Dorer
Ein Mann taucht unter einem Pedalo im Lago Maggiore (Langensee) bei Ascona.

Ein Mann taucht unter einem Pedalo im Lago Maggiore (Langensee) bei Ascona.

Es ist das Thema Nummer eins in der Bevölkerung, egal wann, egal wo: Am liebsten wird über das Wetter gesprochen. Der Wochenkommentar von Christian Dorer über die aktuelle Hitzewelle – und warum das Wetter die Menschen derart bewegt.

Diese Woche ging es um die Zukunft Griechenlands und der europäischen Integration. In Syrien erreichte der Massenexodus einen neuen Höhepunkt: Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. In China erlebte die Börse ein Beben mit ungewissen Folgen für die Stabilität des 1,3-Milliarden-Reiches. Fast alle Diskussionen aber drehten sich um ein anderes Thema – das Wetter.

Zugegeben: Diese Woche herrschte Ausnahmezustand. In Genf kletterte das Thermometer auf 39,7 Grad. So heiss war es auf der Alpennordseite der Schweiz noch nie, der frühere Rekord datiert von 1921.

Das veranlasste die «NZZ» zum verspielten Titel: «Das Wetter hat Fieber – Hitze übertrifft die menschliche Körpertemperatur.»

Die Naturgefahrenkarte zeigte die zweithöchste Stufe an. Dann steigt erfahrungsgemäss die Sterberate bei alten Menschen, Schienen verbiegen, Strassenbeläge wölben sich, Menschen mit hochroten Köpfen eilen von Klimaanlage zu Klimaanlage. Am az-Leserwandern nahmen am glutofenheissen Dienstag trotzdem 80 Wanderer teil und sprachen – übers Wetter.

Selbst in Zeiten ohne Rekordtemperaturen ist das Wetter das am meisten diskutierte Thema der Welt. Auf Online-Portalen bringen Beiträge darüber mehr Klicks als alle anderen Themen.

Wer sich erkundigt, wie denn die Ferien gewesen seien, erhält spätestens im dritten Satz den detaillierten Wetterbericht geliefert. Die Wetterfrösche im Fernsehen gehören zur bekanntesten (Cervelat-)Prominenz des Landes. Warum bloss verschwenden die Menschen so viel Zeit für etwas, das sie ohnehin nicht beeinflussen können?

Vielleicht liegt uns allen ein Ur-Reflex zugrunde, der unser Interesse fürs Wetter weckt. Schliesslich war es für unsere Urahnen überlebenswichtig, das Wetter richtig zu deuten, im richtigen Moment zu pflanzen, zu ernten oder in die Höhle zu flüchten.

Heute beeinflusst das Wetter bloss noch unseren Lifestyle. Klar ist eine Velotour bei Regen nicht ganz so lustig, doch selbst da haben wir für jede Witterung die richtigen Kleider.

Wetter ist Small-Talk

Was gibt es Unverfänglicheres, als über das Wetter zu reden? Jeder kann mitdiskutieren, es braucht weder ein intellektuelles Mindestniveau noch Vorkenntnisse. Man läuft nicht Gefahr, jemanden zu brüskieren. Und wer übers Wetter redet, muss nichts Persönliches preisgeben.

Wetter ist Wirtschaft

Bikinis gehen derzeit über die Ladentische wie blöd, Gartenrestaurants sind ausgebucht. Die Hitze wird Geschäftsabschlüsse von Schwimmbädern, Brauereien, Glacé-Produzenten und Klimageräte-Verkäufern positiv beeinflussen. 2014 war für sie alle wegen des garstigen Sommers ein miserabeles Jahr, damals profitierten Thermalbäder, Kinos, Museen, Fitnesscenter und Solarien.

Wetter ist Politik

Findet der Klimawandel statt oder nicht? Kaum ist es ein bisschen zu heiss, warnen Alarmisten vor dem Ende der Menschheit. Die «Weltwoche» hingegen geisselt ebendiese «irrenden Katastrophenmeldungen», wie es in der aktuellen Ausgabe heisst.

Die Diskussionen sind gehässig, weil Ideologien aufeinanderprallen: Die einen fordern massive Staatseingriffe zur CO2-Reduktion, die anderen wollen solche aus marktwirtschaftlichen Überlegungen verhindern.

Sicher ist: Unsere Gletscher gehen seit mehr als einem Jahrhundert zurück, die Durchschnittstemperatur steigt, allerdings schubweise und nicht in Einklang mit der CO2-Zunahme.

Extremsituationen gab es schon immer, aber sie werden häufiger. Im langjährigen Schnitt gab es auf der Alpennordseite 10 bis 15 Tage mit Temperaturen über 30 Grad; Meteo Schweiz geht davon aus, dass es bis Ende des Jahrhunderts 30 bis 40 sein werden.

Wir reden zwar dauernd übers Wetter, vergessen aber schnell, wie es war, vielleicht mit Ausnahme des epochalen Hitzesommers 2003. Wer aber erinnert sich an die Kältewelle im Februar 2012, an den sonnigen Juni 2014 oder nur schon an vergangene Weihnachten?

Wie lautet doch die treffendste Wetterprognose: «Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt, wie es ist.» An diesem Bonmot sollten wir uns orientieren und das Wetter nehmen, wie es kommt. Zum Glück hat der Mensch keinen Einfluss darauf. Es würden darob Kriege ausbrechen.

Autor

Christian Dorer

Christian Dorer

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