Dies vorweg: Es ist zu hoffen, dass der Autounfall von FDP-Ständeratskandidat Philipp Müller den Wahlausgang nicht beeinflusst. Müller hat nach einer ersten Schockphase transparent informiert. Er war nachweislich nicht alkoholisiert, nach eigenen Angaben hantierte er weder am Handy noch liegt eine andere grobfährlässige Tat vor. Sollte die Untersuchung wider Erwarten ergeben, dass er gelogen hat, wäre seine politische Karriere ohnehin beendet. Hat er aber die Wahrheit gesagt, so darf ein tragisches Ereignis nicht über Wahl oder Nichtwahl entscheiden. Denn es hat nichts damit zu tun, ob jemand ein guter Standesvertreter wäre oder nicht. 

Genau das aber ist die zentrale Frage: Welche Persönlichkeiten sind am besten geeignet, den Aargau zu vertreten? Die beiden Ständeräte sind sowohl Aushängeschild für den Aargau als auch Bindeglied zwischen der Kantonsregierung und dem Gesetzgeber in Bern. Ein Ständerat hat politisch grosses Gewicht: Er ist einer von 46, ein Nationalrat bloss einer von 200 – und jedes Gesetz muss durch beide Kammern. Der Ständerat heisst zu Recht «Chambre de Réflexion», denn er ist das tiefer schürfende, sachlichere Gremium. Ein Ständerat oder eine Ständerätin muss deshalb in besonderem Masse politisch erfahren, breit vernetzt und taktisch bewandert sein. Es braucht Persönlichkeiten, die wandlungsbereit sind, die vor allem im Interesse des Kantons handeln und sich nicht als Parteisoldaten verstehen. Gleichzeitig sollte ein Ständerat mit Ausstrahlung und Eloquenz für seinen Kanton punkten.

Bruderer, das Aushängeschild

Bei Pascale Bruderer könnte man es sich einfach machen und sagen: Sie wird so oder so wiedergewählt, mit Stimmen bis weit ins bürgerliche Lager hinein. Man kann kritisieren, dass Bruderer im Bundeshaus nicht zu den Schwergewichten gehört, die politische Mehrheiten beschaffen oder sich als Frontkämpfer in den grossen Themen profilieren. Der az-Inlandchef Stefan Schmid beschrieb Bruderer so: «Sie umgarnt und umarmt die halbe Welt. Man kann ihr einfach nicht böse sein.» Das bedeutet gleichzeitig: Sie ist keine Ideologin, und wer mit ihr zusammenarbeitet, erlebt sie als unkompliziert und pragmatisch. Sie trägt die urbane Seite des Kantons in die Schweiz hinaus und ist damit eine hervorragende Repräsentantin. Es gibt deshalb keinen Grund, Bruderer nicht wieder zu wählen. Selbst aus liberaler Sicht muss man sich keine allzu grossen Sorgen machen: Bruderer ist längst eine bürgerliche Politikerin mit sozialer Ader geworden. Das ist zwar Pech für die Linken – aber sie wissen: Ohne Bruderer hätten sie im Aargau null Chance auf einen Ständeratssitz.

Völlig offen ist hingegen das Rennen um den frei werdenden Sitz von FDP-Ständerätin Christine Egerszegi. Um ihn bewerben sich neun Kandidaten, Chancen haben die Vertreter der drei grössten bürgerlichen Parteien: Hansjörg Knecht (SVP), Philipp Müller (FDP) und Ruth Humbel (CVP). Alle drei sind Nationalräte, haben sich über Ämter in kantonalen Gremien hochgearbeitet, vertreten eine klar bürgerliche Gesinnung. Der Aargau hat eine echte Auswahl – das ist positiv.

Knecht, der Unscheinbare

Hansjörg Knecht vertritt die grösste Partei, die SVP. Sie polarisiert wie keine andere, sie zelebriert das Wir-gegen-alle. Damit holt sie im Aargau mehr als
30 Prozent der Stimmen – was aber auch bedeutet: Fast 70 Prozent sind gegen die SVP. Deshalb fällt es ihr schwer, Ämter zu besetzen, für die es eine Mehrheit braucht. Vor vier Jahren hat das Ulrich Giezendanner schmerzvoll erfahren: Der am besten gewählte Nationalrat scheiterte in den Ständeratswahlen grandios.

Im Auftreten gibt sich Knecht als Anti-Giezendanner: stets ruhig, sachlich und emotional kontrolliert, die Faust saust nie aufs Pult, die Stimme bleibt immer ruhig. Er spielt nie auf den Mann. Als er im Juli 2014 seine Kandidatur bekannt gab, stand deshalb an dieser Stelle, dass seine Chancen gut stünden, «falls es ihm gelingt, sich als bodenständiger, aber vernünftiger SVP-Politiker zu positionieren, der gradlinig ist in der Haltung, aber konziliant im Auftritt, also ein Alex Hürzeler fürs Stöckli». Fünfzehn Monate später fällt die Bilanz differenziert aus: Ihm ist es gelungen, sich durch hohe Präsenz und einen knackigen Wahlspruch («Knecht wählen, Könige hat es genug») im Kanton bekannt zu machen. Ihm ist es jedoch nicht gelungen, an Souveränität und Schlagfertigkeit zu gewinnen; in der direkten Konfrontation sind ihm seine Konkurrenten klar überlegen. Dazu kommt, dass er in seinen ersten vier Jahren in Bundesbern nicht allzu viele Spuren hinterlassen hat. Knecht zeichnet von sich gern das Bild vom stillen Schaffer und weist darauf hin, dass viel medialer Lärm kein Leistungsausweis sei. Das stimmt, aber ebenso stimmt das Gegenteil: Es ist auch kein Leistungsausweis, wenn man nicht wahrgenommen wird.

Müller und Humbel, die Schwergewichte

Fairerweise muss man anfügen, dass es Knecht nicht einfach hat: Er tritt gegen zwei langjährige, bewährte und einflussreiche Kontrahenten an, die deshalb von anderem Kaliber sind. Da ist zum einen Philipp Müller, Nationalrat seit 2003. Er hat eine wechselvolle Karriere hinter sich, vom verbissenen 18-Prozent-Müller, der die SVP an Polterkraft oft übertrumpfte, zum nationalen Präsidenten der FDP. Nach Startschwierigkeiten ist er in diesem Amt in einem Ausmass gewachsen, das ihm nicht viele zugetraut hätten. Er hat die FDP wieder bürgerlich positioniert und sich gleichzeitig von der SVP distanziert. Er hat dank klarer Haltung in der Einwanderungs- und Europa-Frage Wirtschaftskreise zurückgewonnen. In den Kantonen hat die FDP so Erfolg um Erfolg eingefahren. Wenn Müller nun seinen Einfluss und seine politische Schlagkraft als Ständerat in den Dienst des Aargau stellen will, so kann das für den Kanton nur zum Guten sein.

Ruth Humbel startet als Kandidatin der 11-Prozent-CVP mit Handicap. Trotzdem sollte man sie nicht unterschätzen: Auch sie gehört heute zu den einflussreichsten Parlamentariern – gemäss Studie des Politologen Michael Hermann steht sie auf Platz 19 (Müller auf Platz 12, Knecht auf Platz 148). Das hat mit der Gesundheitspolitik zu tun, wo sie zu den Kompetentesten gehört. Nach zwölf Jahren im Nationalrat und als Treiberin wichtiger Geschäfte weiss sie, wie man seine Interessen durchsetzt. Im Auftreten ist sie stets sachlich, aber schlagfertig und auch mal selbstironisch. Auch wenn sie filigran wirkt – sie ist eine starke Politikerin, die nichts so rasch aus der Ruhe bringt. Mit ihr und Pascale Bruderer hätte der Aargau erneut zwei Ständerätinnen, was Humbel eventuell Stimmen von links bringt, auch wenn sie klar bürgerlich ist.

Falls der Aargau bei seinen Ständeräten auf politischen Einfluss setzen will, so hat er mit Müller und Humbel zwei Top-Shots im Rennen. Und mit Knecht jemanden, der es vielleicht noch werden kann. Wer immer gewinnt: Bürgerlicher wird die Aargauer Vertretung so oder so. Denn bürgerlicher als Egerszegi sind alle drei möglichen Nachfolger.

christian.dorer@azmedien.ch