Wochenkommentar

Blocher hat den Schrecken verloren

Regisseur Jean-Stéphane Bron (links) mit dem Protagonisten seines Dokumentarfilms: Christoph Blocher.

Regisseur Jean-Stéphane Bron (links) mit dem Protagonisten seines Dokumentarfilms: Christoph Blocher.

Man hasst ihn oder man liebt ihn - jeder im Land hat eine klare Meinung von Christoph Blocher. Kein Wunder gehen die Wogen hoch, wenn nun ein Film über ihn erschienen ist. Der Wochenkommentar über den Film «L' expérience Blocher».

Am Dienstag wurde «L' expérience Blocher» auf der voll besetzten Piazza Grande in Locarno uraufgeführt. Die Rezensionen fielen unterschiedlich aus: Zu nett, fand der «Tages-Anzeiger». Langweilig, der «Blick». Und die NZZ interpretierte: «Blochers Ära neigt dem Ende entgegen.»

Dabei ist der Film vor allem unterhaltend. Wie eine bewegte «Schweizer Illustrierte». Die Kamera folgt Blocher bis ins Badezimmer - fehlt nur noch das Schaumbad. Blocher ist mit allen Wassern gewaschen, was den Umgang mit Journalisten betrifft. Er weiss genau, wann Zugang gewähren und wann abweisen. Zum Beispiel bei brisanten Treffen: Solche kommen im Film nicht vor.

Wie wichtig aber ist Blocher heute noch in der Politik? Ist er Machtfaktor oder Mythos? Totgesagt wurde er schon oft - bisher immer voreilig. Auch heute begeht einen Fehler, wer ihn unterschätzt. In der SVP kommt niemand um ihn herum. Wichtige Weichenstellungen und Personalentscheide fallen nicht ohne ihn. Und intern ist auch niemand in Sicht, der eines Tages nur annähernd eine derart prägende Rolle einnehmen könnte.

Die strategische Neuausrichtung der SVP nach den Wahlen 2011 ist nicht, wie oft kolportiert, gegen Blocher erfolgt, sondern mit ihm. Die Partei ist seither auffällig ruhig geworden: Sie gibt sich nach wie vor hart in der Sache, aber sachlich und nüchtern im Stil. Dies aus der Erkenntnis heraus, dass so die Chancen steigen auf einen zweiten Bundesratssitz, auf mehr Ständeräte und auf mehr Exekutivämter in den Kantonen. Die Rolle des Haudegens hat seither die FDP mit ihrem Präsidenten Philipp Müller übernommen.

Mit Blocher ist dasselbe passiert wie mit der SVP: Er hat sich gemässigt. Auf «Tele Blocher» driftet er gern ins Anekdotische ab. Und man meint Sehnsucht herauszuhören, wenn er einen Kampf gegen die EU-Pläne des Bundesrats ankündigt in der Dimension des Anti-EWR-Kampfes von 1992.

Keiner hat die Schweizer Politik in den vergangenen 25 Jahren so stark geprägt wie Christoph Blocher. Auch heute noch hat er Macht, Einfluss, Geld. Aber er hat seinen Schrecken verloren. Wenn er mit einem Referendum droht, zittert die Schweiz nicht mehr. Blocher ist, im Alter von bald 73 Jahren, dabei, ein fast schon normaler Politiker zu werden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1