Meiereien

Alles hat seine Zeit

Jörg Meier
Durch die Jahre in Gefangenschaft wurde Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) völlig auf ihrem Entführer fixiert, Psychologin Schattenberg (Imogen Kogge) und Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) gelingt es nicht, mit der jungen Frau Kontakt aufzunehmen. Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) allerdings wählt sie als ihren neuen „Erzieher“.

«Tatort»-Folge 971: Rebecca

Durch die Jahre in Gefangenschaft wurde Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) völlig auf ihrem Entführer fixiert, Psychologin Schattenberg (Imogen Kogge) und Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) gelingt es nicht, mit der jungen Frau Kontakt aufzunehmen. Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) allerdings wählt sie als ihren neuen „Erzieher“.

Manchmal kommt die Einsicht unerwartet. Mich traf sie am vergangenen Sonntagabend, als ich tat, was ich bisher möglichst jeden Sonntagabend getan habe: Ich sass vor dem Fernseher und schaute «Tatort».

Wieder eine grässliche Geschichte mit grässlichem Ausgang. Spannend zwar, aber alles in allem war das überhaupt kein fröhlicher Abschluss eines friedlichen Wochenendes. Nach der Spannung folgte nicht Entspannung, sondern eher dumpfe Beklommenheit. Da wurde mir auf einmal bewusst, dass das eigentlich fast an jedem Sonntagabend so geschah. Dass der «Tatort» vollgestopft ist mit lauter kranken Menschen aller Art, die andern Abscheuliches antun. Das will ich ab sofort nicht mehr sehen. Es tut mir nicht gut. Kein «Tatort» mehr. Ich bin zu alt dafür. Lieber etwas heile Welt als eine ganz kaputte.

Ich erlebte noch den melancholischen Kommissar Haferkamp samt seinem Assistenten Willi Kreutzer; ich war irritiert über seinen brachialen Nachfolger Horst Schimanski. Am wohlsten fühlte ich mich aber, wenn Hauptkommissar Paul Stoever (Manfred Krug) zusammen mit Peter Bockmöller (Charles Brauer) dem Bösen auf der Spur war. Und, sentimentaler Nostalgiker, der ich bin, ich mochte ihren Jazz, den sie sangen, wenn alles aussichtslos schien.
Es war die Zeit, als man noch darauf vertrauen konnte, dass zwei ordentliche Kommissare innert 90 Minuten das Böse
in der Stadt besiegt hatten.

Ich wettere nicht gegen die neuen «Tatort»-Folgen. Die sind sicher in Ordnung oder sogar gut, wenn sie jeden Sonntagabend Millionen von Zuschauern vor dem Fernseher vereinen. Mir ist einfach klar geworden, dass ich ab sofort nicht mehr zur treuen «Tatort»-Gemeinde gehöre. Das richtige Leben ist schon böse genug. Alles hat seine Zeit.

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