«Die vergangenen neun Monate war ich schwanger. Morgen ist die Entbindung. Endlich! Neun Monate lang konnte ich zusehen, wie mein Baby wächst und sich entwickelt. Ich habe es gleichermassen zu lieben und zu hassen gelernt. Jetzt kann ich es kaum erwarten, das mühsame Ding endlich loszuwerden.

So wie mir geht es momentan vielen Viertklässlern an der Kanti Wohlen. Wir sind alle schwanger. Unser Baby ist unsere Maturaarbeit. Mit einer wirklichen Schwangerschaft ist das nicht gleichzusetzen – einige Merkmale lassen sich vermutlich aber trotzdem übertragen.

Während neun Monaten gaben wir unsere ganze Seele (und manchmal sogar noch etwas mehr) in dieses eine Projekt. Es ist ein Musikstück, ein Buch, ein Event oder – wie bei mir – eine Website. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes. Denn nachdem man drei Jahre lang gezwungen war, sich mit Vektorprodukten, höfischer Dichtung und Ribonukleinsäure zu beschäftigen, hat man in der vierten Klasse endlich die Möglichkeit, sich einem Thema zu widmen, das einen wirklich interessiert.

Es war eine turbulente Zeit! Fünf Monate lang dominierte die Vorfreude auf das, was kommen würde. Im sechsten Monat schliesslich die grosse Ernüchterung. Jetzt, im neunten Monat, herrscht Panik.

Morgen ist bereits Abgabetermin. Wie jedes Jahr haben wir Viertklässler die Arbeit zu lange hinausgezögert. Denn genau wie bei einer normalen Schwangerschaft braucht es auch bei der Maturaarbeit einen gewaltigen Druck, damit man endlich entbinden kann. Frühgeburten gibt es selten. Und das, obwohl wir es uns alle so fest vorgenommen haben.

Die Nebenwirkungen sind schon seit Tagen spürbar: schlaflose Nächte, Panikattacken, Stimmungsschwankungen – oftmals verbunden mit einer kollektiven Maturaarbeits-Depression. Der Alkoholkonsum muss auf ein Minimum reduziert werden. Immer öfters bleiben Schüler krank zu Hause. Die «Maturitis» hält Einzug. Vergangene Woche fehlte teilweise fast die Hälfte meiner Klasse.

Natürlich ist auch meine Arbeit noch nicht fertig –wäre ja auch langweilig!

Mein Entbindungstermin ist auf heute Nacht zwischen 3 und 4 Uhr angesetzt. Die ersten Wehen spüre ich bereits. Die geschätzte Grösse des Babys liegt bei rund vier Quadratmetern, das Gewicht bei etwa 200 Gramm. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg – noch eine lange Nacht. Umso mehr freue ich mich danach auf meinen Vaterschaftsurlaub.

*Der Autor schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.

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