#MaturTortur

Mathe bei Bier, Burger und Bachelor-Kandidatinnen

Kantischüler rechnen ihren Notenschnitt aus. Mit dem Taschenrechner? Von wegen! Sie tun das auf dem Smartphone im Ausgang bei Bier und Burger – und entscheiden dann, ob sie noch länger im Ausgang bleiben sollen.

Kantischüler rechnen ihren Notenschnitt aus. Mit dem Taschenrechner? Von wegen! Sie tun das auf dem Smartphone im Ausgang bei Bier und Burger – und entscheiden dann, ob sie noch länger im Ausgang bleiben sollen.

Es ist schon viel zu spät. Wir hocken in einer sympathischen Studenten-Bar und stehen vor einem folgenschweren Entschluss.

Für unsere Rückreise müssen wir uns zwischen dem letzten Zug in der Nacht und dem ersten Zug am Morgen entscheiden.

Jetzt sollen die Taschenrechner auf unseren Smartphones die erhoffte Klarheit bringen. Wie wild tippen, diskutieren, jubeln und fluchen wir. Selten war Mathematik mit so vielen Emotionen verknüpft.

Die Tragweite dieser Entscheidung darf nicht unterschätzt werden. Wir Maturanden sind momentan nämlich in einer entscheidenden Phase unserer Kanti-Zeit. In der kommenden Woche stehen praktisch in allen Fächern die letzten regulären Prüfungen an.

Es geht darum, sich noch ein letztes Mal anzustrengen, damit die Endnote dann auch definitiv aufgerundet wird. Noch ein letztes Mal müssen wir uns zusammenreissen, um uns für die unberechenbaren Maturaprüfungen einen doppelten Boden zu mauern.

Momentan geht es darum, herauszufinden, ob wir es uns notentechnisch überhaupt leisten können, den ersten Zug zu nehmen. Umgeben von Bier, Burgern und Bachelor-Kandidatinnen berechnen wir deshalb unseren aktuellen Notendurchschnitt. Wir rechnen aus, wie gut wir in den kommenden Prüfungen noch sein müssen, damit wir im Maturazeugnis dann auch sicher unsere Wunschnote erreichen.

Wir rechnen aber vor allem aus, wie viel Zeit wir dafür am kommenden Tag in den Lernprozess investieren müssen. Spätestens jetzt geht es nämlich nicht mehr darum, bei den einzelnen Prüfungen das Maximum herauszuholen.

Vielmehr ist es eine Gratwanderung auf der Suche nach einem Optimum. Auf keinen Fall wollen wir zu viel Zeit für die Schule investieren, denn innerlich haben wir sowieso bereits mit der Kanti abgeschlossen. Noch weniger aber wollen wir, am Schluss dann doch noch um unsere Matur zittern zu müssen.

Meine Kollegen und ich, wir haben Glück. Unsere Notendurchschnitte sind nämlich praktisch fix und wir können sie kaum noch korrigieren – weder im positiven noch im negativen Sinne.

Viel lernen müssen wir deshalb am kommenden Tag nicht. Wir bleiben. Wir nehmen den ersten Zug am Morgen.

Rückblickend war uns das wahrscheinlich bereits bewusst, bevor wir unsere Taschenrechner gezückt haben. Aber so können wir die Nacht immerhin ohne schlechtes Gewissen geniessen. Wir bestellen noch ein Bier und stossen an auf unseren Entscheid. Und auf die Mathematik, die uns diese Klarheit brachte.

Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.

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