#Maturtortur

Breiter Body, Bright Brain

Mit Hanteln seine Oberarme trainieren und dem Körperkult frönen: Das scheint auch bei Aargauer Kantonsschülern im Trend zu liegen. (Symbolbild)

Mit Hanteln seine Oberarme trainieren und dem Körperkult frönen: Das scheint auch bei Aargauer Kantonsschülern im Trend zu liegen. (Symbolbild)

Der Körperkult macht auch vor Kantonsschülern nicht Halt. So weiss Kolumnist und Kantonsschüler Patrick Züst von Kollegen zu erzählen, die auf einen Trainings- und Ernährungsplan setzen – auch um im Strandurlaub glänzen zu können.

Als Maturand weiss man über vieles etwas, aber nur über wenig viel. Nachdem wir die schriftlichen Maturprüfungen endlich hinter uns gebracht haben, bereiten wir uns jetzt auf die mündlichen Tests vor. Wir sind auf keinem Gebiet Spezialisten, haben uns dafür aber eine breite Allgemeinbildung erarbeitet. Meine ist unterdessen rund 2,6 Kilometer breit.

Auf diese Zahl käme man zumindest, würde man alle Schulblätter aus den vergangenen vier Jahren nebeneinander legen. Natürlich hat man von diesem breiten, papierenen Allgemeinwissen schon sehr viel wieder vergessen. Das ist aber auch gar nicht schlimm. Denn für die meisten Kantischüler zählt sowieso viel eher die körperliche als die geistige Breite: breiter Bizeps, breite Schultern, breiter Rücken. Darauf liegt momentan der Fokus.

Die Fitnessbegeisterung kam vor einigen Jahren als Trend in meinen Kollegenkreis, verwandelte sich schon bald zum Kult und deformierte sich schliesslich zum kollektiven Wahn. Weight Gainer, Protein-Riegel und Kreatin-Pülverchen sind heute Stammgäste am Mittagstisch. Die abnehmenden Fashionmodels wandeln sich zunehmend zu angehenden Fitnessmodels und soziale Medien zeigen die narzisstische Projektion eines Körperkults.

Vergangenes Wochenende durfte ich den Ausführungen von zwei Badener Kollegen lauschen, welche mir in allen Einzelheiten ihren «Cutting Plan» erläuterten. Damit meinen sie ihren Trainings- und Ernährungsplan, mit welchem Fett abgebaut und gleichzeitig Muskelmasse betont werden soll. Für den Strandurlab in Spanien wollen sie so das Optimum aus ihren Körpern herausholen.

Nach diesen Erläuterungen war ich froh, dass mich der virale Fitnessvirus bis jetzt verschonte. Denn im Hinblick auf unsere mündlichen Prüfungen verfolgen wir Viertklässler gerade unseren eigenen, intellektuellen «Cutting Plan». Es gilt, auf dem kilometerbreiten Allgemeinwissen irgendwo die wenigen Meter an spezifischen Informationen zu finden, welche uns bei den Vorbereitungen für die mündlichen Prüfungen von Nutzen sein könnten.

Es sind die letzten kognitiven Kniebeugen und geistigen Liegestütze, um die Arbeit aus den vergangenen Jahren auch wirklich sichtbar zu machen. Für die mündlichen Prüfungen wollen wir das Maximum aus unseren Körpern herausholen. Und obwohl es lediglich kognitive Muskeln sind, die ich mir in diesen Tagen aufbaue, so hoffe ich trotzdem, dass ich vielleicht irgendwann etwas damit bewegen kann.

Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.

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