Kommentar

Was der Rechtsrutsch für den Aargau bedeutet

Die SVP feiert den Wahlsieg, von links nach rechts: Ulrich Giezendanner, Sylvia Flückiger, Thomas Burgherr, Andreas Glarner

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Der erwartete Rechtsrutsch bei den Nationalratswahlen hat im Aargau besonders ausgeprägt stattgefunden. Die SVP baut ihren Wähleranteil auf 38 Prozent aus. Was bedeutet das für den Aargau? Der Kommentar von az- Chefredaktor Christian Dorer.

Alles sprach im Vorfeld der Wahlen über einen zu erwartenden Sieg der FDP. Der ist, nach 36 Jahren des Niedergangs, auch eingetroffen, wenn auch in bescheidenem Mass: plus 1,2 Prozentpunkte.

Die grösste Gewinnerin des gestrigen Wahlsonntags aber heisst SVP: Landesweit legt sie, gemäss Hochrechnung von 21 Uhr, um 2,9 Prozentpunkte zu.

Im Aargau sind es gar 3,25 Prozentpunkte, hier kommt sie auf 38 Prozent Wähleranteil. Damit ist der Aargau definitiv zum SVP-Kanton geworden. Das ist ein historisches Resultat, zumal sich Wähleranteile in der Schweiz normalerweise im Promille- und nicht im Prozentbereich verschieben.

Dank Proporzglück gewinnt die SVP elf Nationalratssitze dazu – ebenfalls gemäss Hochrechnung, die definitiven Resultate werden erst heute erwartet. Es könnte gar sein, dass SVP und FDP gemeinsam auf mehr als 100 Nationalräte und damit zu einer Mehrheit kommen.

Wahlen Aargau: die Reaktionen von links bis rechts

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Angst vor Flüchtlingswelle hilft der SVP

Wer Wahlpodien besuchte, kennt den Grund für den Sieg der SVP: die Angst vor einer Flüchtlingswelle. Kein anderes Thema beschäftigt die Menschen annähernd so stark. Die SVP vertritt hier eine harte Haltung. Das ist legitim.

Bloss stellt sich die Frage, ob ihre Rezepte nicht nur gut tönen (Asyl-Moratorium, Grenzkontrollen), sondern ob sie auch wirken. Denn hier unterscheidet sich die Schweiz von Ländern mit Regierung und Opposition.

Dort verspricht die Opposition immer das Blaue vom Himmel, um gewählt zu werden. Hat sie dieses Ziel erreicht, wird sie an ihren Versprechen gemessen. In der Schweiz kann man schnell mal etwas fordern, das gut tönt, im Wissen darum, dass es keine Mehrheit findet und sich nicht bewähren muss.

Konsternation bei den Linken: Nationalrat Cédric Wermuth ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.

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SVP-Präsident Toni Brunner forderte gestern erneut einen zweiten Bundesrat. Präsentiert die SVP einen valablen Kandidaten, sollte das Parlament das gestrige Volksverdikt ernst und die SVP in die Pflicht nehmen. Vor acht Jahren war die SVP selber schuld, dass sie Eveline Widmer-Schlumpf aus der Partei warf. Doch auch dieser unfreundliche Akt ist irgendwann verjährt.

Besonders ausgeprägt ist der Rechtsrutsch im Aargau. Denn hier steht die FDP deutlich weiter rechts als die nationale Partei, und SVP/FDP stellen zusammen neu 10 von 16 Sitzen! Das ist selbst für einen bürgerlichen Kanton bemerkenswert.

Völlig unerwartet hat die SP einen Sitz verloren. Sie sollte sich fragen, ob sie ein Personalproblem hat – jedenfalls kamen im Wahlkampf mehr Ideen und mehr Engagement von den Grünen als von den Sozialdemokraten.

Einigt sich die bürgerliche Mitte auf einen Ständeratskandidaten?

Stolz sein kann SVP-Ständeratskandidat Hansjörg Knecht. Zu Beginn des Wahlkampfs war er im Aargau wenig bekannt, gestern überholte er überraschend FDP-Kandidat Philipp Müller.

Die SVP hat ihre Lehren gezogen: Vor vier Jahren scheiterte sie, weil Ulrich Giezendanner zwar stets der am besten gewählte Nationalrat ist, für den Ständerat aber durchfiel – da ist mehr staatsmännisches Format gefragt. Die jetzige Strategie ging auf: Der gemässigt auftretende Knecht kam einer Wahl nahe.

Trotzdem ist er im zweiten Wahlgang noch lange nicht gewählt. Erstens dürfte er sein Wählerpotenzial ziemlich ausgeschöpft haben. Zweitens wird sich die bürgerliche Mitte fragen müssen, wie viel SVP-Dominanz sie zulassen will. Tritt sie geschlossen mit einem bürgerlichen Kandidaten an – entweder mit Philipp Müller oder als Befreiungsschlag mit einer neuen Hoffnung – wird sie gewinnen. Verzettelt sie ihre Stimmen, wird der zweite Ständerat am 22. November Hansjörg Knecht heissen.

NR AG 2015

Nationalratswahlen 2015 im Aargau_Kuchendiagramm

Entwicklung der SVP-Wähleranteile im Aargau

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