Fricktal

Warum ich Nancy Holten ganz okay finde

Nancy Holten aus Gipf-Oberfrick

Nancy Holten aus Gipf-Oberfrick

Nancy Holten in den Medien – schon wieder? Holten polarisiert, grenzenlos wird Häme über sie ausgeschüttet. Womöglich sagen auch Sie sich: «Ich kann sie nicht mehr hören!» Ich zolle ihr Respekt: Endlich hat jemand Mut und sagt, was sie beschäftigt.

Sie ist seit einer Woche wieder ein Thema: Nancy Holten, gebürtige Holländerin, aus Gipf-Oberfrick: Sie kämpft gegen Lärm in Zügen und fordert die Wiedereinführung von Ruhe-Abteilen in den SBB-Wagen.

Die Reaktionen blieben einmal mehr nicht aus, Häme wird über sie ausgeschüttet. Holten polarisiert und sorgt für heftige Diskussionen. Aus medialer Sicht ein Glücksfall.

Andreas Glarner und Cédric Wermuth können es kaum besser. Ein Unterschied besteht: Nancy Holten muss nicht gewählt werden. Sie legt unpolitisch ihren Finger auf wunde Punkte und provoziert all jene, deren Gedanken es nicht aus dem eigenen Kästchen hinaus schaffen. – Das Fremdwort hierfür hiesse Empathie.

Was hat die Frau falsch gemacht? Warum soll man sich nicht über weniger Lärm Gedanken machen? Ihre Immissionsklage gegen die Kirchenglocken richtete sich gegen das minutenlange Geläute um 6 Uhr früh. Nichts gegen Kirchenglocken: Aber könnten der gesellschaftliche Wandel und veränderte Arbeitsgewohnheiten nicht Anlass sein, um über die Notwendigkeit des Geläuts nachzudenken? Wer würde das Morgengebet verpassen?

Roman Huber, Autor, Redaktion Baden.

Roman Huber, Autor, Redaktion Baden.

Zu den Kuhglocken: Nicht dass sie mich bis jetzt gestört hätten. Aber jede Kuh, auch wenn sie sich inzwischen ans Gebimmel gewöhnt hat, würde sich garantiert umgehend der lästigen Glocke entledigen, wenn sie es könnte. Viele Bauern hängen ihren Kühen keine Glocken mehr um, im Bewusstsein, dass auch Rindviecher ein empfindsames Gehör haben. Dann Holtens Protest gegen Zirkustierhaltung: Die Frage, wie weit Tiere in welchem Zirkus einigermassen artgerecht gehalten werden, stellt sich tatsächlich. Und wer sich schon ein Video der deutschen Tierrechtsorganisation Peta über Dressur-Trainingsmethoden angeschaut hat, den schaudert’s womöglich bei der nächsten Tiernummer.

Nancy Holten wird auch als Veganerin angegriffen. Ist doch ihre Sache? Nun, ich überlege mir immerhin, wenn am Samstag in der Aktionsauslage im Grossmarkt Fleisch aus Übersee angeboten wird, wie viele Hektaren Regenwald dafür gefällt wurden. Und was die Haltung von Nutztieren betrifft: Ich selber achte zwar beim Einkauf darauf, woher das Fleisch stammt. Mehr möchte ich nicht wissen, vielleicht auch nicht, weil ich zu feige bin. Nancy Holten hingegen hat Mut und sagt offen, was sie beschäftigt, darum finde ich sie ganz okay. Auch wenn ich ihre Meinung nicht vollends teile: Ich zolle ihr Respekt – das, was vielen Online-Kommentatoren von Nancy-Holten-Artikeln so ziemlich abhandengekommen ist.

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