Kolumne

Keine Kaffeehauskultur: Badens Cafés sind abgestanden

Wo kann man in Baden einen guten Kaffee geniessen?

Wo kann man in Baden einen guten Kaffee geniessen?

Kolumnist Simon Balissat lässt an den beiden Cafés Himmel und Moser kein gutes Wort und empfiehlt sie nur zum Schlussmachen. Aber er schlägt auch ein Lokal für ein erstes Date vor.

Im Gespräch mit ortsunkundigen Menschen streicht man die Qualität unserer Kleinstadt gerne mit den Worten «In Baden hat es alles» hervor. Hier gibt es ein Warenhaus, mehrere Fastfood-Ketten, Starcoiffeurs, Hundecoiffeurs, zwei Autobahnanschlüsse (von denen einer ironischerweise mit «Neuenhof» angeschrieben ist), ein funktionierendes Bussystem und einen Bahnhof, Einkaufsmöglichkeiten bis spät in die Nacht, ein Casino, eine preisgekrönte Weihnachtsbeleuchtung, mehrere Theater und Kinos, einen Überfluss an Kleiderläden und bald (vielleicht, wenn alles gut kommt) ein Thermalbad.

Da überrascht es nicht, dass Baden regelmässig in Ranglisten, welche die «lebenswertesten» Schweizer Städte vergleichen, ganz vorne auftaucht. Solche Ranglisten bewerten Städte nach Kriterien wie Krankenkassenprämien, Steuersatz, Bildung oder Einkaufsinfrastruktur. Ich bin mir ziemlich sicher, dass «Qualität der Kaffeehäuser» dabei kein gewichtiges Kriterium ist.

Baden müsste sich dann nämlich aus der glamourösen Top Ten verabschieden und würde im Mittelmass versinken. Wer sich in Baden zum «Käffele» entscheidet, der landet mit grosser Wahrscheinlichkeit entweder im «Himmel» am Bahnhofplatz oder im «Moser» am Schlossbergplatz. Und beide Cafés scheinen in einem Paralleluniversum im Jahr 1996 stehen geblieben zu sein.

Würde ich an das katholische Konzept von Himmel und Hölle glauben, das Fegefeuer würde ich mir ziemlich genau so vorstellen, wie das Kaffee Himmel: Auf mit pastellfarbenen Kissen bezogenen Polstern sitzend, wässrigen Kaffee schlürfend bange ich dort um die Gnade Gottes. Als kleinen Vorgeschmack auf den Himmel würden mir immerhin Buttergipfeli und Avocadosandwiches serviert, zwei Produkte die mir den Besuch im «Himmel» am Bahnhofplatz immerhin erträglich machen.

Nicht viel besser verhält es sich mit dem Café Moser. Wenigstens gibt es dort ein Warmgetränk, das man grundsätzlich als Kaffee bezeichnen darf. Der Innenraum des Mosers erinnert mich dabei eher an meinen Konfirmationsunterricht im reformierten Kirchengemeindehaus, als an ein gemütliches Kaffee.

Auch Moser hat sich in der Bibel bedient und nennt sein Lokal «Backparadies». Weil seit mehreren Jahren aber jeder Kiosk über einen Ofen verfügt, wissen wir, dass «Mosers Aufbackparadies» der viel treffendere Name wäre. Die dargebotenen Kleingebäcke wie «Cailler-Gipfel» oder «Tomatenstrudel» könnten auch an jeder beliebigen Tankstelle in der Schweiz gekauft werden, sie stammen nämlich von einer Grossbäckerei und werden fixfertig gefroren angeliefert.

Es mag sein, dass die Brote und Brötchen laut Website «mit viel Geduld in handwerklicher Tradition» hergestellt werden, ich habe aber leider noch nie ein Pfünderli zu meinem Kaffee gegessen. Eine lobenswerte Erwähnung soll hier das Café «Frau Meise» in der Halde erhalten, ein wirklich schickes, kleines Kaffee, mit viel Liebe zum Detail gestaltet.

Die Zielgruppe von «Frau Meise» ist eher das Kaffeekränzchen unter Freundinnen. Das Café eignet sich daher als Mann am ehesten für Dates. «Himmel» und «Moser» taugen bestenfalls zum Schluss machen. Deshalb bleibe ich auch in Zukunft dabei und sage dem Ortsunkundigen: «In Baden hat es alles, ausser einem anständigen Café.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1