Gmeinds-Entscheide

Die kleine Anarchie

In den meisten Aargauer Gemeinden entscheidet nach wie vor die Gemeindeversammlung über Einbürgerungen. Nicht immer folgen die Bürger dem Vorschlag des Gemeinderats. (Archiv)

In den meisten Aargauer Gemeinden entscheidet nach wie vor die Gemeindeversammlung über Einbürgerungen. Nicht immer folgen die Bürger dem Vorschlag des Gemeinderats. (Archiv)

Ob wegen Einbürgerungen oder wegen Flüchtlingen: Gemeindeversammlungen im Aargau sorgten in den letzten Tagen für Überraschungen, Kopfschütteln oder Schlagzeilen. Der Kommentar.

In Gipf-Oberfrick wird die streitbare Nancy Holten nicht eingebürgert. Zwar erfüllt sie alle rechtlichen Voraussetzungen. Die Gipf-Oberfricker wollen dennoch nicht, dass die Holländerin Schweizerin wird. Sie mögen sie einfach nicht.

Nancy Holten: Einbürgerung abgelehnt

Nancy Holten: Einbürgerung abgelehnt

In Dintikon schlägt der Gemeinderat elf Personen zur Einbürgerung vor. Den roten Pass erhält nur eine einzige. Zehn Einbürgerungen werden haushoch abgelehnt. Es gibt keine Diskussion. Man darf mit Fug und Recht ein abgekartetes Spiel vermuten.

In Oberwil-Lieli will Gemeindeammann und Neo-Nationalrat Andreas Glarner sich und dem ganzen Dorf für 290'000 Franken jegliche Asylbewerber vom Leib halten. Doch diesmal stellen sich die Oberwil-Lieler gegen ihren Ammann. Nach heftiger Diskussion erteilen sie seiner Politik des flüchtlingsfreien Dorfes eine Abfuhr. Eine Mehrheit der Oberwil-Lieler will sich nicht von ihrer Verantwortung freikaufen.

Glarner-Schlappe: Oberwil-Lieli will nun doch Asylbewerber

Glarner-Schlappe: Oberwil-Lieli will nun doch Asylbewerber

Man kann nun beklagen, dass, wie in Gipf-Oberfrick oder Dintikon geschehen, Animositäten und geplante Willkür die Grenzen der direkten Demokratie aufzeigen; oder man kann sich darüber freuen, welch wundersame Einrichtung die Gemeindeversammlung trotz aller Unzulänglichkeiten immer noch ist: Die Mehrzweckhalle ist der Ort, wo Meinungen kippen und neue Einsichten entstehen; wo Macht aufläuft und Platz machen muss für Empörte, für junge Wilde und für mutige Auftritte. Die Gemeindeversammlung ist der Ort, wo immer noch ein bisschen Anarchie und Ungehorsam lauert, wo die kleine Welt des Dorfes kurzfristig aus den Fugen geraten kann. Und keiner weiss, wann es wieder passiert.

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