Kommentar

Die Debatte ist aus dem Ruder gelaufen

Rahel K. wurde auf dem Heimweg über die Kettenbrücke von einem Asylbewerber angegriffen. Danach wollte sie aufrütteln.

Rahel K. wurde auf dem Heimweg über die Kettenbrücke von einem Asylbewerber angegriffen. Danach wollte sie aufrütteln.

Zwei Wochen ist es her seit dem Überfall eines Asylbewerbers auf eine 30-jährige Frau in Aarau. In den Online-Kommentaren gingen die Wogen hoch – Asylsuchende wurden pauschal verurteilt. Zu Recht? Ein Kommentar.

Die Aktion war mutig. Unter dem Titel «Ich will, dass man mich so sieht!» zeigte sich die junge Aarauerin Rahel K. mit blutiger Lippe und abgerissenem Ohrenring im «Blick». Spuren des brutalen Überfalls eines Asylbewerbers aus Eritrea nachts bei der Kettenbrücke. Sie wolle aufrütteln, sagte sie später der az. «Ich habe Angst, dass diese brutale Sache schnell wieder vergessen geht. Ich will, dass man wieder sicher heimgehen kann, egal ob Mann oder Frau.»

Rahel K. hat aufgerüttelt. Der Vorfall füllt Leserbriefspalten, sorgte für weitere Medienberichte und rief die Politik auf den Plan. Die SVP fordert erneut geschlossene Unterkünfte für kriminelle Asylsuchende, was auch in anderen Parteien auf Sympathie stösst. Die Diskussion, wie mit delinquierenden Asylbewerbern umgegangen werden soll, ist denn auch wichtig.

Gleichzeitig ist die Debatte über den Vorfall bei der Kettenbrücke völlig aus dem Ruder gelaufen: Wer sich durch Online-Kommentare der Nachrichtenportale klickt, dem läuft es kalt den Rücken herunter. «Jetzt ist Schluss mit den ganzen Asylanten», machen Leser ihrem Ärger Luft. Das Hilfswerk Caritas Aargau spricht zu Recht von einer «Hetzjagd» gegen Asylsuchende und hier lebende Eritreer – ausgerechnet jener Bevölkerungsgruppe, die Jahr für Jahr am meisten Asylgesuche stellt, aber kaum in der Kriminalitätsstatistik auftaucht.

Rahel K. war mutig, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die emotional übersteuerte Debatte wird jedoch kaum dazu beitragen, dass sie sich bald sicherer fühlt.

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