Ist die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung plötzlich links geworden? Oder was sind die Gründe für die seit vielen Jahren happigste Überraschung im Aargauer Politbetrieb?

Bei jeder Volksabstimmung gibt es Schnell-Hingucker, Halb-Genau-Hingucker und Genau-Hingucker. So war es wohl auch diesmal. Bei den Schnell-Hinguckern dürfte es so gelaufen sein: Was, die wollen staatliche Leistungen abbauen? Kommt nicht infrage, schliesslich zahle ich genug Steuern! Und schon stand das Nein auf dem Zettel. Die Halb-Genau-Hingucker haben festgestellt: Was, da spart der Kanton mit 190 Massnahmen über 120 Mio. Franken – und ich darf gerade mal über 15 Massnahmen und 17 Mio. Franken befinden? Das ist doch eine Alibi-Abstimmung! Und schon stand das Nein auf dem Zettel. Die Genau-Hingucker aber haben sich die 15 Massnahmen einzeln angeschaut und dabei (mindestens) eine gefunden, die ihnen überhaupt nicht passt. Zum Beispiel die Senioren den Posten «Vermögensverzehr im Altersheim». Oder die Bewohner kleiner Dörfer den Posten «Mindestschülerzahl für das Führen einer Schule». Oder die Pilzler den Posten «Aufhebung Pilzkontrolle». Und so haben sich eben die Nein zusammengeläppert.

Die Zugehörigkeit (oder Sympathie) zu einer Partei hat also nicht bei jeder Nein-Stimme eine Rolle gespielt. Zum Teil hatte man ja schon im Vorfeld gewisse Abweichler von der Parteilinie geortet. Trotzdem, nicht nur Finanzminister Roland Brogli, sondern auch die bürgerlichen Partei-Oberen müssten sich ihre Gedanken machen: Warum schafft es der im Politbetrieb dominierende Bürgerblock nicht, ein bescheidenes Sparpaket an der Urne durchzubringen? Endet jedes weltanschauliche Bekenntnis, auch jenes zum schlanken Staat, beim Eigennutz («Sparen ja, aber nicht bei mir!»)? Dass das Verdikt von einem Linksrutsch zeuge, bleibt rot-grünes Wunschdenken. Ebenso abenteuerlich ist allerdings die SVP-Interpretation, das Ergebnis zeige, dass die Mehrheit noch mehr sparen wolle . . .