Fahrländer

Ich und der «Sieger von Kaiseraugst»

Mehr als 15000 Menschen versammelten sich am 6. April 1975 zu einer Demonstration auf dem Bauplatzdes Atomkrafwerks Kaiseraugst – schon eine Woche vorher besetzten Aktivisten das Areal.KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV

Mehr als 15000 Menschen versammelten sich am 6. April 1975 zu einer Demonstration auf dem Bauplatzdes Atomkrafwerks Kaiseraugst – schon eine Woche vorher besetzten Aktivisten das Areal.KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV

40 Jahre seit der Besetzung des AKW-Bauplatzes in Kaiseraugst – und wieder gerinnt eine persönliche Erinnerung zu Geschichte.

Ich war 1975 zum einen Student der Geschichte in Bern. Als im Aargau solide bürgerlich Sozialisierter bewegte ich mich da in einem ziemlich linken Umfeld. Dazu gehörte zum Beispiel Louis Schelbert, damals Aktivist bei der Poch (Progressive Organisationen der Schweiz), heute grüner Luzerner Nationalrat.

Als ich von der Besetzung in Kaiseraugst erfuhr, reagierte ich eingeübt: Das ist illegal, strafbar, staatszersetzend. Doch die Debatten an der Uni lösten etwas aus: Ich begann mich gründlich mit dem Thema auseinanderzusetzen, nicht politisch, sondern physikalisch. Ich verschlang Artikel zum Thema Sicherheit von Kernanlagen. Meine politische Gesinnung erhielt ein paar Risse – die jedoch anlässlich meiner Anstellung beim «Badener Tagblatt» vier Jahre später wieder kleiner wurden.

Zum Zweiten war/bin ich persönlich bekannt mit Peter Scholer, dem Gründer der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK). Wir haben in den Siebzigern beide eine Rheinfelderin geheiratet, die zwei waren Schulfreundinnen.

Zeitgleich erwarteten «wir» das erste Kind, gemeinsam besuchten wir einen Vorbereitungskurs. So lernte ich den «Sieger von Kaiseraugst» von einer anderen Seite kennen. 10 Jahre nach der Besetzung wählte ihn Rheinfelden in den Stadtrat, 20 Jahre vertrat er lustvoll rot-grüne Anliegen im bürgerlichen Städtchen. Nochmals ein paar Jahre später kämpften wir, mit unterschiedlichen Mitteln, für die gleiche Sache, leider erfolglos: für den Erhalt des ältesten Flusskraftwerks Europas in Rheinfelden. Peter war nie ein Militanter, eher einer mit dem Schalk im Nacken. Gewalttätige Aktionen gegen die Atomenergie lehnte er ab, sein Vorbild war Mahatma Gandhi.

Unsere politischen Debatten waren nie sehr hektisch. Peter sah in mir wohl den hoffnungslos Bürgerlichen. Aber er verleitete mich dazu, stereotype Denk- und Handlungsschemen zu hinterfragen, einen Teil der Wahrheit auch mal beim «Gegner» zu suchen. Unbestritten bleibt: Scholer, der Schalk, hat in der jüngeren Schweizer Geschichte einen beachtlichen Sieg errungen.

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