Fahrländer

Den Nachteil ausgleichen – aber welchen?

Zweiklassengesellschaft? Der sogenannte Nachteilsausgleich sorgt für Diskussionen.

Zweiklassengesellschaft? Der sogenannte Nachteilsausgleich sorgt für Diskussionen.

Anfang Jahr gab es im Aargau eine kleine Debatte. Es ging um den sogenannten Nachteilsausgleich. Damit bezeichnet man die Möglichkeit, Jugendlichen mit einem Handicap Prüfungserleichterungen in Form von Hilfsmitteln oder Zeitzuschlägen zu gewähren.

Ein Lehrmeister beklagte, der Nachteilsausgleich (NTA) halte nun auch in den Berufsschulen Einzug. Damit werde es noch schwieriger, die wahre Leistungsfähigkeit junger Menschen zu beurteilen. Hierauf beeilte sich das Bildungsdepartement, festzuhalten, Nachteilsausgleiche gebe es nur für Jugendliche mit einer schweren Behinderung, zum Beispiel Seh- oder Hörbehinderte. Der NTA sei eine Errungenschaft des Behindertengleichstellungsgesetzes, er gelange nur selten zur Anwendung. Damit schien die Debatte beendet. Wer bestreitet schon, dass Erleichterungen für Jugendliche mit einer Behinderung gut und gerecht sind.

Doch die Welt dreht sich weiter. Es sind ja wieder Abschlussprüfungen. Bisher wurden allein in Berufsschulen gegen 100 Gesuche für einen Nachteilsausgleich bewilligt. Damit ist die Debatte natürlich wieder da. Gegen 100? Alle mit einer schweren Behinderung? In den Gängen und Lehrerzimmern der Berufsschulen erzählt man sich Geschichten.

Zum Beispiel über Eltern, die mittels Anwalt den Nachteilsausgleich für ihren Sprössling erzwingen wollten. Die Bewilligungsinstanzen tun gut daran, den Graubereich nochmals genau auszuloten. Es gibt heute viele diagnostizierte Defizite bei Schülern: Lern- und Konzentrationsschwächen, Legasthenie, Diskalkulie, Dislexie. Gibt es für alles einen NTA? Wird der Graubereich zu gross, kippt das System: Aus einem Nachteilsausgleich wird ein Vorteil-Herausschinden. Und das ist ungerecht gegenüber jenen, die ohne Helferlein durch die Prüfung kommen müssen.

Eltern und Fachleute, die für freigebigen Umgang mit dem NTA kämpfen, müssen sich überlegen: Ist es richtig, ein Kind mit Hilfsmitteln durch eine Prüfung und in eine Schule zu boxen, wo es vielleicht einfach nicht hingehört? Schliesslich gibt es im (Berufs-)Leben draussen auch keinen NTA. Und damit oft ein böses Erwachen. Auch ehrgeizige Eltern können für leistungsschwächere Kinder zum Handicap werden.

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