Der Nachtbus scheidet die Geister der Chauffeure. Einige fahren ihn gerne, weil man tagsüber frei und nachts die Strasse für sich hat. Andere können ihn nicht ausstehen, weil nicht jeder die Nacht gern mit Partygängern verbringt, ohne selber Party zu machen, oder weil man den halben folgenden Tag verschläft.

Am vergangenen Samstag war ich nur schon temperaturtechnisch gesehen glücklich, dass ich eine Nachtschicht hatte: Beginn um 18 Uhr, Ende um 4 Uhr, dazwischen eineinhalb Stunden Pause.

Ab 1 Uhr fuhr ich auf der Linie N90 von Lenzburg nach Schafisheim–Seon–Fahrwangen–Sarmenstorf. Der Nachtbus ins Seetal hat ein paar Eigenheiten: Der Chauffeur muss Billette und 5-Franken-Nachtzuschläge kontrollieren oder verkaufen. Ein Sicherheitsmann ist dabei und unterstützt einen. Die Fahrgäste sind jung bis sehr jung, angeheitert bis betrunken, entweder noch voll in Partystimmung oder bereits weggeschlummert.

Vor einem Jahr bin ich den Nachtbus schon mal gefahren. Damals kamen nur wenige Fahrgäste, und trotzdem erlebte ich das volle Programm: Auf der letzten Fahrt, wenige Meter vor der letzten Haltestelle, erbrach ein Fahrgast quer über den Fahrzeugboden. Nun gibt es Angenehmeres, als morgens um 4 Uhr einen Busboden zu schrubben. Immerhin hatte ich damit eine Pointe für meine damalige Kolumne über den Nachtbus … Der Samstag nun erfüllte alle Voraussetzungen, um dieses Erlebnis zu toppen: ein tropischer Sommerabend, in der Gegend diverse Jugendfeste – ich machte mich auf alles gefasst.

Deshalb erkundigte ich mich bei erfahreneren Kollegen, was man gegen potenziell kotzende Fahrgäste tun kann. Ein älterer Chauffeur gab mir den entscheidenden Tipp: «Du musst die Leute schon beim Einsteigen gut beobachten. Wenn es einem bereits nicht mehr gut geht, platziere ihn zuvorderst und beauftrage einen seiner Kollegen, ihn im Auge zu behalten. Er soll dir sofort melden, wenn es nicht mehr geht. Dann kannst du anhalten.»

Und tatsächlich wird die Nacht intensiv: Der Bus ist gut besetzt mit Fahrgästen, die von irgendeinem Fest heimkehren. Ich fahre um 1 Uhr, 2 Uhr und 3 Uhr ab Lenzburg ins Seetal – und muss mich ob der vielen Passagiere beeilen, jeweils rechtzeitig in Lenzburg zurück zu sein. Die Stimmung ist friedlich, die meisten Fahrgäste sind eher schläfrig als am Abfeiern. Aggressiv ist überhaupt keiner.

Dann, um 3 Uhr in Lenzburg: Auf einer Bank der gelben Bushaltestellenwand sitzt eine Gruppe junger Leute, eine Frau übergibt sich gerade.

Die Gruppe will – Murphy’s Law – just mit meinem Bus mitfahren und erst noch fast bis zur Endstation. Die junge Frau habe, so erzählt ihr Freund, Long Islands getrunken, die genaue Anzahl lässt sich nicht mehr rekonstruieren, den ganzen Abend über aber nur ein paar Popcorn gegessen.

Das ist der Moment, um den Tipp meines Chauffeur-Kollegen zu befolgen: Der Sicherheitsbegleiter und ich platzieren die beiden auf den vordersten beiden Sitzen. Ich leere einen Plastiksack und übergebe ihn als potenzielle Kotztüte. Der Sicherheitsbegleiter hat die Frau im Auge, deren Freund kümmert sich liebevoll um sie. Und ich bin jederzeit bereit, bei Bedarf einen kurzen Extrahalt einzulegen.

Der ist zum Glück nicht nötig. Wir können die beiden heil direkt vor ihrer Haustüre rauslassen. Diesmal reicht es, den Bus ganz normal mit dem Besen zu reinigen.


Christian Dorer fährt in der Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.