Das Netz des Regionalbusses Lenzburg umfasst elf Linien von total 99 Kilometern Länge. Hier fahre ich seit 17 Jahren. Am Samstag durfte ich aus diesem überschaubaren Kosmos ausbrechen – und auf der schönsten Postautostrecke der Schweiz fahren: mit dem «Palm-Express» von St. Moritz nach Lugano.

Drei Freunde haben die Fahrt organisiert, ein sensationelles Geschenk zu meinem runden Geburtstag! Zugegeben, ich war nervös am Samstagmorgen, denn es ist eine Strecke der Extreme: Vom Engadin auf rund 1800 Metern über Meer führt sie über zwölf Haarnadelkurven den Malojapass hinunter, durchs Bergell nach Italien, dann dem Comersee entlang, dessen Seespiegel auf 197 Metern über Meer liegt. Dann geht’s rauf Richtung Lugano – über Strassen, die so eng sind, dass zwei grössere Fahrzeuge oft nicht kreuzen können ... Das Postauto braucht für die 125 Kilometer vier Stunden!

Im Depot St. Moritz empfängt uns Postauto-Chauffeur Carlo Cadonau, 54. Seit 1987 arbeitet er hier, 6000 bis 7000 Mal ist er den Malojapass bereits rauf- und runtergefahren, so hat er ausgerechnet – «am liebsten, wenn es so richtig garstig ist», sagt er und erzählt, wie man bei Schnee fahren muss, damit das Postauto nicht ins Rutschen gerät. Ich hingegen bin froh, dass wir einen traumhaften Spätherbsttag erwischt haben.

Der «Palm-Express» fährt nur einmal pro Tag. 24 Fahrgäste steigen in St. Moritz ein. Dann fahre ich los. Einiges ist anders als beim RBL: Der Bus ist bestuhlt wie ein Car, hat mehr Power als die Fahrzeuge im Flachland – und, besonders schön, ein Dreiklanghorn («Tüü-taa-too»). Die Strecke ist anspruchsvoll. «Du musst die Haarnadelkurven komplett ausfahren, sonst bleibst du mit dem Heck hängen», gibt mir Carlo Anweisungen.

Es ist ein tolles Gefühl, durch die traumhafte Landschaft zu fahren. Fast alle Fahrgäste sind GA- oder Tageskarten-Ausflügler, entspannt und gut gelaunt – bis es zum Kampf um die beste Aussicht kommt: Eine Frau schnappt einer anderen den Sitz in der dritten Reihe weg. Wortgefecht. «Weiter hinten wird mir schlecht!», giftelt die eine. «Dann kotzen Sie halt!» entgegnet die andere. «Alltag auf dieser Linie», kommentiert Carlo.

Im Stadtkern von Menaggio am Comersee kommen wir zur heikelsten Stelle: eine enge, scharfe Rechtskurve, die in einem Anlauf praktisch nicht zu schaffen sei. Ich will es trotzdem versuchen. Carlo weist mich perfekt an – wie links auf dem Trottoir ausholen, wie einschwenken, wie abdrehen –, sodass es auf den Zentimeter genau gelingt: Der Spiegel vorne links streift knapp nicht, die historische Säule hinten rechts steht noch, Carlo ist begeistert: «Da hab ich aber den Kollegen was zu erzählen: Kommt einer aus dem Unterland und schafft das beim ersten Mal!»

Kurz vor Lugano bin ich bachnass vor Konzentration und sechs Minuten hinter dem Fahrplan. Da erzählen meine Kollegen übers Mikrofon, wer dieser spezielle Chauffeur sei. Grosser Applaus, und wie sich herausstellt, sind auch ein paar AZ-Leser unter den Passagieren. Sie freuen sich besonders. Alle posieren für ein Erinnerungsfoto, sie haben jetzt grad doppelt was zu erzählen. Und ich denke mir: Falls ein Jobangebot aus dem Engadin käme – ich könnte wohl nicht widerstehen …

Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.