Über die Festtage gab es unter den Chauffeuren im Depot ein dominierendes Gesprächsthema: den mysteriösen blauen Kleinwagen, der von Weihnachten bis über Neujahr hinaus den offiziellen Parkplatz des Regionalbus Lenzburg (RBL) am Bahnhof blockierte und so für Umtriebe sorgte.

Der Parkplatz wird für Fahrerwechsel rege genutzt. Denn während des Tages übernimmt ein Chauffeur seinen Bus oft nicht im Depot, sondern am Bahnhof Lenzburg. Dazu steht ein kleines RBL-Dienstauto zur Verfügung: Damit fährt der Chauffeur, der mit der Arbeit beginnt, zum Bahnhof – und derjenige, der Pause oder Dienstschluss hat, zurück ins Depot. Das Dienstauto fährt täglich rund 20-mal hin und zurück. Am Bahnhof steht ein Parkplatz zur Verfügung beziehungsweise der RBL mietet ihn für 200 Franken pro Monat. Auf dem Boden steht unübersehbar gelb markiert «RBL» und «RESERVIERT».

Über die Festtagswoche jedoch war ebendieser Parkplatz belegt von einem kleinen, blauen Peugeot, der nichts mit dem RBL zu tun hat. Recherchen der Chauffeusen und Chauffeure haben folgende Geschichte zu Tage gefördert: Eine Frau aus Seengen wollte frühmorgens in Lenzburg den Zug zum Flughafen nehmen, um in die Ferien zu fliegen. Sie hatte ein Taxi bestellt, das sie zum Bahnhof bringen sollte. Doch das Taxi kam nicht und kam nicht und kam nicht. Also stieg sie in Panik in ihr Auto, fuhr eilends zum Bahnhof und stellte ihren Peugeot auf den erstbesten, am nächsten gelegenen Parkplatz ab – den RBL-Parkplatz –, um gerade noch den Zug zu erwischen. Per Telefon beichtete sie ihr Malheur dann der Polizei.

In jeder anderen Stadt wäre der Kleinwagen wohl abgeschleppt worden. In Lenzburg aber ist «die Polizei, dein Freund und Helfer» nicht bloss ein Klischee: Sie erlaubte der Frau, nach Rücksprache mit der RBL-Betriebsleitung, ihren Wagen bis zum Ferienende stehen zu lassen. Und sie avisierte den RBL, er möge sein Dienstauto während dieser Zeit auf dem Busparkplatz beim Seetalgeleise abstellen.

Eine nette Geste gegenüber der Frau. Bei den Chauffeuren stiess diese aber auf wenig Verständnis. Nicht, weil sie nun zum Auto etwas weiter laufen mussten. Sondern weil dieselbe Polizei vor nicht allzu langer Zeit eine Busse ausstellte, weil das Auto mal auf ebendiesem nun zugewiesenen Busplatz stand. Begründung: Das Dienstauto sei ja eben ein Auto und kein Bus und habe deshalb auf einem Busplatz nichts verloren.

Die Moral von der Geschichte? Die Frau soll doch bitteschön in ihren nächsten Ferien kein Taxi bestellen, sondern mit dem Bus zum Bahnhof fahren. Denn der kommt bestimmt.

*Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.