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Bahnersatzbus

Dorers nächster Halt

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Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.

Am Samstag hatte ich einen speziellen Einsatz: als Fahrer des Bahnersatzbusses zwischen Rupperswil und Aarau. Die Bahnlinie wurde um eine Wildtier-Unterführung erweitert, so dass nur zwei von vier Gleisen befahrbar waren. Die S-Bahn-Züge fielen aus, die Passagiere mussten auf zwei Gelenkfahrzeuge des Regionalbus Lenzburg umsteigen. Diese fuhren nach einem Sonder-Fahrplan, denn die Reise auf der Strasse dauert länger als auf der Schiene. Für die Bus-Chauffeure bedeuten solche Aufträge Abwechslung: andere Route, andere Fahrpläne - und andere Fahrgäste. Diese lassen sich in drei Kategorien unterteilen.

Erstens gibt es die Fahrgäste, die sich über die Abwechslung freuen. Sie setzen sich in die vorderste Reihe und möchten wissen, was der Grund ist für den Ersatzbetrieb, wie viele Busse im Einsatz stehen, wie schnell man auf der Autostrasse T5 mit einem Gelenkbus fahren darf (80km/h). Oder die Mädchen, die staunend fragen: «Wow, darf ein Bus auf die Autobahn?» Die erfreuten Fahrgäste sind in der Minderheit.

Zweitens gibt es die Fahrgäste, die sich stoisch ihrem Schicksal fügen. Sie nehmen das Umsteigen ohne erkennbare Gefühlsregung in Kauf. Das Drumherum interessiert sie nicht - sie wollen einfach ans Ziel kommen. Diese indifferenten Fahrgäste stellen die grosse Mehrheit. Zum Glück, denn sie sind die pflegeleichtesten.

Drittens gibt es die Fahrgäste, die die Contenance verlieren. Wie der ältere Herr in Shorts, der nach Solothurn West will. Als er erfährt, dass er in Aarau einen späteren Anschluss erwischt, schreit er bebend vor Wut: «Verdammte Sauerei!» Dazu ein paar nicht druckwürdige Worte. Und die ultimative Forderung, der Interregio müsse in Aarau gefälligst warten, bis wir ankommen. Ich wappne mich dafür, dass er mir an die Gurgel springt - und warte mal mit Abfahren. Schliesslich setzt sich der Herr und wettert lautstark über die SBB im Allgemeinen und die Löhne der SBB-Chefs im speziellen. Die ausfälligen Passagiere sind zwar eine kleine Minderheit, dafür eine lautstarke. Einer pro Fahrt reicht, und der ganze Bus hat sein Unterhaltungsprogramm. Interessant: Es sind immer ältere Fahrgäste, die sich unmöglich benehmen, und nicht die ach-so-schlimme Jugend.

Das Problem eines Bahnersatzbusses: Wer den Fahrplan auswendig kann, der wird überrascht. Wer modern die Smartphone-App konsultiert, erkennt die längeren Fahrzeiten. Jeder Chauffeur hat seine eigene Methode, mit Passagieren umzugehen, die darob in Rage geraten. Ich selber denke vor allem: Wunderbar, das gibt Stoff für eine süffige Kolumne.

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