10 Jahre Kosovo
Zeitreise zu den verwunschenen Bergen: Die Reisereportage aus Albanien

Im Kosovo ist der Tourismus noch kaum entwickelt. Nur wenige Kilometer östlich zeigt sich in Albanien, was in der gesamten Bergregion möglich wäre. Eine Wanderung durch ein Land, das nach seiner jahrzehntelangen Abschottung die Gäste mit grösster Offenheit willkommen heisst.

Nadja Rohner
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Der höchste Berggipfel Nordalbaniens liegt auf knapp 2700 Metern über Meer. Gewandert wird meist auf Hirtenwegen oder Eselspfaden.

Der höchste Berggipfel Nordalbaniens liegt auf knapp 2700 Metern über Meer. Gewandert wird meist auf Hirtenwegen oder Eselspfaden.

Nadja Rohner

Da stehen wir nun auf dem Pass, nach drei Stunden Aufstieg, schwer atmend, schweissüberströmt. Die Funktionskleidung klebt am Leib; wir tragen lange Hosen wegen angeblicher Schlangen, die Füsse stecken in schweren Bergschuhen. Und da steht neben uns diese albanische Familie: der Mann in Lackleder-Halbschuhen, die Frau mit Glitzerhandtäschli, das Kind in pinken Sneakers. Wie sind die in diesem Outfit bloss hier hochgekommen? Nicht zum ersten Mal stellen wir fest: Albaner sind zäh und geländegängig wie Berggeissen.

Die Reise beginnt mit einem Flug nach Tirana und dem Transfer nach Shkodra (Bild), der grössten Stadt in Nordalbanien.
41 Bilder
Moschee in Shkodra.
Die Fussgängerzone in Shkodra verströmt mediterranes Ambiente. Hier trifft man sich abends zum gemütlichen Flanieren, Sehen und Gesehenwerden.
Das Boutique-Hotel Tradita in Shkodra ist - der Name weist darauf hin - im traditionellen Stil eingerichtet und befindet sich in einer der wenigen erhaltenen osmanischen Villen..
Zimmer im Hotel Tradita. Alle Unterkünfte, in denen wir auf dieser Reise übernachtet haben, waren einfach, aber zweckmässig eingerichtet und sauber. Sie verfügten - bis auf eine Ausnahme - über ein eigenes Bad mit Dusche.
Am ersten Tag erhalten die Reisenden vom Guide sämtliche Unterlagen. Dazu gehören auch GPS-Geräte und ein lokales Handy. Die Guides sprechen gut Englisch; manchmal erwischt man sogar jemanden, der einige Zeit in Deutschland oder der Schweiz gelebt hat und Deutsch kann.
Die Reise von Shkodra in die Berge führt zuerst mit dem Bus zum Koman-Stausee, dann gehts mit der Passagierfähre drei Stunden den See entlang. Manche sagen, diese Fahrt sei das Schönste, das man in Albanien machen könne.
Eine Fahrt mit der Fähre auf dem Koman-Stausee ist unbequem, aber auch unvergesslich schön. Obwohl der zum Boot umgebaute Bus nicht gerade vertrauenserweckend aussieht.
Bis vor wenigen Jahren steuerte der Kapitän die "Dragobia" noch mit dem alten Bus-Steuerrad, das heutige ist standesgemässer.
Unschwer zu erkennen: Die "Dragobia" hat auch viel Fracht geladen. Manchmal sind Tiere dabei.
Entlang des Koman-Stausees gibt es viele Siedlungen, die nur über die Fähre erreichbar sind. Die Bewohner sind Selbstversorger.
Die Fähre stoppt bei einer Siedlung, Lebensmittel werden ausgeladen.
Lebensmittel für die Siedlungsbewohner.
Ab und zu steigen unterwegs Einheimische aus. Wie dieser hier, der vor den Augen der staunenden Touristen eine scheinbar unwegsame Felswand erklimmt - in Anzugs-Schuhen.
Zwar kann man die Fähr-Fahrt auch in der Kabine verbringen. Aber die ist voll. Also setzen wir uns draussen an die Sonne.
Es ist ein grossartiges Erlebnis, bei voller Fahrt ganz vorne am Bug der Fähre zu sitzen.
Nach drei Stunden Bootsfahrt und einem kurzen Autotransfer wird erstmals gewandert. Die Wege führen immer wieder mal über Brücken, die mässig stabil aussehen (sie haben aber alle gehalten).
Erste Station: Das Valbona-Tal. Die Gegend ist ein Nationalpark. Siedlungen gibt es nur wenige.
Das Bergpanorama im Valbona-Tal ist auch bei bewölktem Himmel eindrücklich.
Abendessen! In den entlegenen Tälern Nordalbaniens wird gegessen, was Bäche, Wälder, Stall und Garten hergeben. Fleisch oder Fisch kommt jeden Tag auf den Tisch; Vegetarier werden aber dank Brot, viel Gemüse und Käse auch nicht verhungern.
Auf dem Frühstücksbuffet ist alles hausgemacht: Konfitüre, Butter, Käse. Übrigens werden die wenigsten Käse lange gelagert; sie kommen meist in der Form auf den Tisch, die wir in der Schweiz als "Feta" kennen.
Die erste schweisstreibende Wanderung: Auf Eselspfaden geht es bergauf.
Im Weiler Kukaj leben nur zwei Familien.
Der Weiler Kukaj.
Impressionen aus dem Valbona-Tal.
Die Hütte der Hirtenfamilie Rama liegt auf 1650 Metern und war während des Kommunismus eine Militärbaracke. Heute bekommen Touristen hier ein Zvieri.
Ein typisches Bild in Nordalbanien: Heuhaufen und Holzzäune.
Die Berglandschaft Nordalbaniens erinnert an die Voralpen. Der markanteste Unterschied liegt sicher in den riesigen Wäldern, in denen auch Bären und Wölfe leben.
Die Reise führt uns weiter über den Valbona-Pass ins benachbarte Tal des Theth-Nationalbark. Der Weg ist nicht besonders weit, es geht allerdings steil rauf - und wieder runter. Spätestens beim Abstieg (1100 Höhenmeter) lohnt es sich, Wanderstöcke dabei zu haben.
Auf dieser Wanderung wird das Gepäck auf dem Packpferd transportiert, nicht mit dem Auto. Schlicht, weil es keine Strassenverbindung gibt.
Der höchste Berggipfel Nordalbaniens liegt auf knapp 2700 Metern über Meer. Gewandert wird meist auf Hirtenwegen oder Eselspfaden.
Gleich um die Ecke liegt die Passhöhe des Valbona-Passes (1795 m.ü.M.). Der Weg ist technisch nicht besonders anspruchsvoll, es hat nur wenige ausgesetzte Stellen. Sowohl Auf- als auch Abstieg erfordern jedoch Kondition.
Beim Abstieg vom Valbona-Pass nach Theth hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Berg Arapi (2217 m). Seine Südwand gilt unter Kletterern als die höchste der Balkanhalbinsel.
Wie man an der Kirche im malerischen Theth unschwer erkennen kann, ist der Norden Albaniens katholisch geprägt.
Das "Syri i Kalter" - das "blaue Auge" ist eine wunderschöne farbige Karst-Quelle.
Auch das ist ein typischer Anblick in Theth: Ein neu gebautes Gästehaus.
Ja, auch diese Brücke hat entgegen aller Befürchtungen gehalten.
Idyllischer geht es kaum. Hier in Theth fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt.
Dieses Steingebäude in Theth ist eine sogenannte Kulla, ein alter Blutrache-Turm. Nur noch wenige sind erhalten. Man kann ihn besichtigen. Das Holzgebäude daneben ist ein für Touristen errichteter, einfacher Imbiss-Stand. An diesem Bild sieht man deutlich, dass der aufkommende Tourismus in Nordalbanien nicht nur positive Seiten hat.
Von Theth geht es mit dem Minibus zurück nach Shkodra. Die Fahrt dauert rund vier Stunden und ist ein Abenteuer für sich. Auf der einen Seite des Passes ist die Strasse schmal und nicht asphaltiert, bei viel Verkehr ist ein Kreuzen schwierig. Wer einen schwachen Magen hat, nimmt besser eine Spucktüte mit; wer nicht schwindelfrei ist, setzt sich besser nicht ans Fenster. Zum Trost: Nach der Passhöhe wartet eine perfekt ausgebaute Strasse.
Auf der Rückfahrt von Shkodra nach Tirana.

Die Reise beginnt mit einem Flug nach Tirana und dem Transfer nach Shkodra (Bild), der grössten Stadt in Nordalbanien.

Nadja Rohner

Dabei sind wir nicht overdressed. Unsere Wandertour in den nordalbanischen Alpen führt durch schroffes Gelände. Wir bewegen uns in zwei Nationalparks der Prokletije, was «verwunschene Berge» bedeutet. Der Gebirgszug im Dreiländereck Albanien–Kosovo–Montenegro wird als Teil des Fernwanderwegs «Peaks of the Balkans» begangen. Hier liegt auf knapp 2700 Meter Höhe der Gipfel des Jezerca, des zweithöchsten Berges in Albanien.

Abenteuerlustigere Leute könnten unsere mehrtägige Tour auf eigene Faust machen, vielleicht nur mit dem Zelt. Aber wir mögens bequem und setzen auf den Reiseanbieter Eurotrek. Das bedeutet: Unterkunft, Transfers, Wanderrouten, alles zuverlässig durchorganisiert. Während wir wandern (GPS-unterstützt, aber individuell), reist das Gepäck im Auto oder auf dem Packpferd von Gästehaus zu Gästehaus.

Des Albaners Religion

Unsere erste Station ist Shkodra, eine fast 2500 Jahre alte Stadt am Skutarisee nahe der Grenze zu Montenegro. In der renovierten Fussgängerzone mit ihrem Kopfsteinpflaster und den farbigen Häusern flanieren abends zahlreiche Einheimische. Und hier fallen die ersten Vorurteile. Eine Schweizer Mitreisende wundert sich, dass albanische Frauen nicht verschleiert sind; ja, dass sie sich im Gegenteil recht aufgebrezelt haben.

Die Fussgängerzone in Shkodra verströmt mediterranes Ambiente. Hier trifft man sich abends zum gemütlichen Flanieren, Sehen und Gesehenwerden.

Die Fussgängerzone in Shkodra verströmt mediterranes Ambiente. Hier trifft man sich abends zum gemütlichen Flanieren, Sehen und Gesehenwerden.

Nadja Rohner

Doch nicht umsonst besagt ein Bonmot: Die Religion des Albaners ist das Albanertum. Und vielleicht noch der alte Ehrenkodex, der Kanun. Unter Diktator Enver Hoxha, der von 1944 bis 1985 herrschte und Albanien abschottete, waren Religionen komplett verboten. Heute leben Muslime und Christen friedlich nebeneinander.

Der nächste Tag führt uns im Morgengrauen an den Koman-Stausee. Dort steigen wir auf die Fähre gen Norden um. Die Dragobia ist ein zum Boot umgebauter Bus – bevor uns Zweifel an deren Seetauglichkeit aufkommen können, sitzen wir schon drin. Und zwar nicht in der kleinen Kabine, sondern draussen, auf Benzinkanistern und Zuckersäcken, die entlang der Reling gestapelt sind. Vorräte für die kleinen Siedlungen am Ufer, die man nur per Boot oder zu Fuss erreicht.

Eine Fahrt mit der Fähre auf dem Koman-Stausee ist unbequem, aber auch unvergesslich schön. Obwohl der zum Boot umgebaute Bus nicht gerade vertrauenserweckend aussieht.

Eine Fahrt mit der Fähre auf dem Koman-Stausee ist unbequem, aber auch unvergesslich schön. Obwohl der zum Boot umgebaute Bus nicht gerade vertrauenserweckend aussieht.

Nadja Rohner

In Reiseführern ist die dreistündige Fahrt beschrieben als Highlight jeder Albanien-Reise. Wir pflichten bei. Ab und zu legt die Fähre im – scheinbaren – Nirgendwo an, ein Einheimischer steigt aus und erklimmt die steil aufragende Felswand in Sonntagskleidern, als wärs ein Spaziergang.

Später am Tag dürfen auch wir die Wanderschuhe festzurren: Zu Fuss geht es dem Fluss Valbona entlang ins gleichnamige Tal. Es ist dem vehementen Widerstand einiger Einheimischer und Umweltaktivisten zu verdanken, dass die hier – mitten im Nationalpark – geplanten riesigen Wasserkraftwerke nie realisiert wurden. Auch der teilweise herumliegende Abfall zeigt: In einem Land, das zu den ärmsten Europas gehört, hat Naturschutz nicht oberste Priorität. Sollte er aber. Denn die Schönheit fast unberührter Natur, der wir auf dieser Reise begegnen werden, ist von unschätzbarem Wert.

Nach knapp drei Stunden trudeln wir im Gästehaus ein und sind positiv überrascht vom Komfort. Und vom Znacht: Knusprig gebratene Forellen aus dem Bach nebenan, Gemüse und Kartoffeln aus dem Garten. Dazu selbstgebrannter Raki, ein Geschenk der Einheimischen am Nebentisch. 40 Kilo Trauben ergeben drei Liter Schnaps, drei Gläser Raki ergeben einen fröhlichen Abend. Der Kellner trinkt mit.

Der nächste Tag führt uns hinauf zur Hütte der Familie Rama auf 1650 Metern über Meer. Die Grenze zu Montenegro ist so nah, dass dies hier während des Kommunismus Sperrgebiet war und die Hütte eine Militärbaracke. Dem Neffen der Hirtenfamilie begegnen wir unterwegs; er ist gross und sehr schlank, wie viele dieser stolzen Bergbewohner. Er trägt iPod-Kopfhörer und über seiner Schulter zwei Sensen – ein wandelndes Symbol für ein Albanien, das den Sprung ins neue Jahrtausend noch nicht ganz vollzogen hat.

Oben angekommen, essen wir den Käse unserer Gastgeber und geniessen das Panorama. Kein Skiliftmast ist zu sehen, dafür riesige Wälder, ein frei mäandernder Fluss und zerklüftete Berggipfel. Unweigerlich denkt man an die vielen Kosovaren, die während des Krieges über jene Berge nach Albanien flohen. Auch im bitteren Winter.

Abends, im wunderschönen Garten des nächsten Gasthauses, denken wir noch: Hier müsste man ein paar Tage bleiben. Und tatsächlich erwischen wir einen «Chäfer», der uns eine schlaflose Nacht auf dem WC beschert. An Weiterwandern ist nicht zu denken. Dank dem im Reise-Package mitgelieferten Notfall-Handy, das uns mit der einheimischen Reiseleitung verbindet, ist die Umbuchung kein Problem. Wir faulenzen also einen Tag länger im Garten und sind dankbar, dass es Coca-Cola bis in den hintersten Winkel Albaniens geschafft hat.

Von flüssigen Kalorien getragen, machen wir uns am nächsten Tag auf zum Valbona-Pass, über den wir nach Theth im benachbarten Shala-Tal gelangen. Es riecht nach Harz, Pferd, Kräutern, Waldboden – und Cannabis. Spötter nennen es «den Weizen Albaniens», das Land ist eine der weltweit führenden Quellen für die Droge.

Die Schattenseiten des aufkommenden Tourismus: Im abgelegenen, malerischen Dörfchen Theth wurde eine Besenbeiz direkt neben den historisch wertvollen Blutracheturm gebaut.

Die Schattenseiten des aufkommenden Tourismus: Im abgelegenen, malerischen Dörfchen Theth wurde eine Besenbeiz direkt neben den historisch wertvollen Blutracheturm gebaut.

Nadja Rohner

Zum ersten Mal verlaufen wir uns trotz GPS gehörig. Aber irgendwo trifft man immer auf einen Einheimischen, der einen freundlich mit vielen Worten, die wir nicht verstehen, auf den richtigen Pfad zschickt. Überhaupt: Wir begegnen auf der Reise ausnahmslos höchst hilfsbereiten Menschen. Die Gastfreundschaft des Albaners ist legendär. Sie gründet, wie die Blutrache, im berüchtigten Ehrenkodex Kanun.

Beim Abstieg ins Shala-Tal sind wir froh, um die Wanderstöcke; 1100 Höhenmeter sind zu bewältigen. Für diese Reise sollte man eine gewisse Kondition mitbringen, wir wandern bis zu sieben Stunden täglich. Dafür kommen wir an malerische Orte wie das Dörfchen Theth, die mangels tauglicher Verkehrsanbindung von der Zeit so unberührt sind, dass man sich vorkommt wie in einem riesigen Freilichtmuseum.

Schattenseiten des Tourismus

Man muss allerdings sagen: Der Tourismus nimmt Fahrt auf, und das manifestiert sich in Form halb fertiger Gästehäuser an allen Ecken. Ganz Bünzlischweizer, wünschen wir uns eine strenge Bauordnung herbei, um die Schönheit dieses Tals zu bewahren. Man gönnt es zwar der Familie, in deren Besitz die letzte erhaltene Kulla (ein Blutracheturm) des Shala-Tales ist, dass sie mit Touristen Geld verdienen kann.

Aber den Bretterverschlag direkt neben dem Turm, der eine Art Besenbeiz beherbergt, hätte man wirklich an einem anderen Ort aufstellen können. Im Shala-Tal bleiben uns zwei Wandertage, dann bringt uns der Mini-Bus über eine höchst abenteuerliche Pass-Strasse zurück nach Shkodra. Der albanische Beifahrer trinkt sich mit Raki Mut an und bekreuzigt sich in jeder Kurve. Vielleicht dankt er aber auch einfach Gott für sein wunderbares Land.