Frankreich
Wirtschaft leidet massiv unter Bahnstreik – Fronten bleiben jedoch verhärtet

Nach einem Monat Bahnstreik leidet das Land immer stärker unter den wirtschaftlichen Folgen. Die öffentliche Unterstützung bröckelt, doch die Fronten bleiben verhärtet.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Bis Ende Juni wollen die Gewerkschaften den sogenannten «Perlenstreik» durchhalten.

Bis Ende Juni wollen die Gewerkschaften den sogenannten «Perlenstreik» durchhalten.

Christophe Ena/AP/Key

Frankreich erlebte einen zermürbenden April: Alle fünf Tage legen die Eisenbahner ihre Arbeit für zwei Tage nieder. «Grève perlée», also «Perlenstreik», nennen sie dieses neuartige Vorgehen. Die Gewerkschaften wollen bis Ende Juni durchhalten, um die Verabschiedung der Bahnreform von Präsident Emmanuel Macron durch die Nationalversammlung zu verhindern.

Wohl aus diesem Grund ist die Streikbeteiligung rückläufig: Am Sonntag, dem bisher letzten Ausstand, verkehrte erstmals wieder die Hälfte der TGV-Züge. Laut der Staatsbahn SNCF sind noch 49,6 Prozent der Lokführer im Ausstand.

Anfang April waren es noch 70 Prozent gewesen. Und die Lokführer sind entscheidend, da von den übrigen Angestellten jeweils weniger als ein Viertel die Arbeit niederlegt. Die Gewerkschaften haben eine Solidaritätskasse eingerichtet, die schon über eine Million Euro eingebracht hat. Sie vermag aber die Lohnausfälle nur zu einem kleinen Teil zu entgelten. Auf die Moral der Eisenbahner drückt zudem, dass die Unterstützung der Bevölkerung abnimmt. Laut der neusten Meinungsumfrage halten nur noch 41 Prozent der Franzosen den Streik für «gerechtfertigt». 62 Prozent wünschen die Inkraftsetzung der Reform, die das günstige Eisenbahnerstatut (Rente 52, lebenslanger Kündigungsschutz, 50 Frei- und Urlaubstage) für Neuangestellte ab 2020 abschafft.

Züge aus der Schweiz tangiert?

Hunderte Schweizer sind von den Bahnstreiks betroffen. Reiseveranstalter wie Hotelplan oder Railtour zeigen sich indes kulant, wie sie dieser Zeitung schreiben. Ihre angebotenen Lösungen: Wählen Sie ein anderes Reisedatum, ein anderes Reiseziel oder wechseln Sie das Transportmittel. (nch)

«Gegner erklären uns für tot»

Die Gewerkschaften, die getrennte 1.-Mai-Umzüge organisierten, streiten sich derweil, ob der «Perlenstreik» eine gute Idee war. Die radikale SUD-Rail war von Anfang gegen den Rhythmus von zwei Streik- und drei Ruhetagen. «Wenn man einen Hungerstreik macht, aber nach allen zwei Tagen wieder drei Tage isst, wirkt das höchstens wie eine Diät», erklärte ein SUD-Vertreter. Die tonangebende CGT und ihr Vorsteher Philippe Martinez halten aber am Vorgehen fest. «Unsere Gegner erklären uns bereits für tot», meinte er am Montag. «Für einen Toten bewegen wir uns aber noch erstaunlich gut.»

Entsprechend massiv sind die Streikschäden für die französische Wirtschaft. Zuerst hatten die direktbetroffenen Sektoren die Ausfälle noch antizipiert: Viele Büroangestellte arbeiteten per Computer zu Hause oder schlugen sich mit Mitfahrdiensten durch; Industrieunternehmen sorgten mit grösseren Lagern vor. Nun aber erlauben es aber auch die drei «Ruhetage» zwischen den Streiktagen nicht mehr, die Rückstände aufzuholen. Im Bausektor warten laut dem Branchenverband zwei Millionen Tonnen Material auf den Gütertransport per Bahn oder per Ersatzlastwagen.

In der Landwirtschaft sind die Weizenlieferungen um 15 Prozent zurückgegangen. Das Brot ist noch nicht knapp, doch in der Nachschubkette mehren sich die Ausfälle. Nicht nur Autohersteller erarbeiten Kurzarbeitspläne: 74 Prozent der Klein- und Mittelunternehmer leiden nach Branchenangaben unter dem Bahnstreik. Hart getroffen ist auch das Reiseland Frankreich. Die Reservationen in den Hotels und Restaurants sind schon im April um zehn Prozent zurückgegangen, was einer Einbusse von 150 Millionen Euro entspricht. Die SNCF verliert an jedem Streiktag 20 Millionen Euro, wie ihr Vorsteher Guillaume Pepy vorrechnete. Zusammen mit der Industrie dürften die Verluste bereits eine Milliarde Euro übersteigen.

Gravierender Imageverlust

Für den französischen Fremdenverkehr ist vor allem der Imageverlust gravierend. Er hatte sich nach den schweren Terroranschlägen endlich wieder erholt und steuerte auf neue Spitzenwerte zu. «Dieser Trend wurde auf einen Schlag gestoppt», meint Laurent Duc vom Hotelverband UMIH. Die Tourismusberaterin MKG rechnet damit, dass in der aktuellen Buchungsphase für die Sommerferien Destinationen wie Spanien, Italien oder Kroatien vorgezogen werden. Denn auch die Belegschaft der Fluggesellschaft Air France streikt seit Wochen periodisch, um höhere Löhne durchzusetzen.

Ähnlich wie in der Reisebranche droht der ganze Energieschub, den Macrons Amtsantritt der französischen Wirtschaft verliehen hat, verloren zu gehen, wenn der Streik noch lange anhält. Das Wirtschaftswachstum hat sich in Frankreich im ersten Quartal verglichen mit Ende 2017 auf 0,3 Prozent halbiert. Der Einfluss des Bahnstreiks darauf ist umstritten. Langfristig wird er aber zweifellos zu spüren sein. Das schwächt letztlich doch die Position Macrons, so entschlossen und gelassen er auch an der Bahnreform festhält. Und darauf setzen die Gewerkschaften: Ein streikbedingter Konjunktureinbruch würde seinen ganzen Reformelan zum Erliegen bringen.

Aktuelle Nachrichten