Wiederaufbau
Ökozid oder Baukunst? Frankreich fällt 2'000 Eichen für die Notre-Dame-Kathedrale

Das Dachgebälk der niedergebrannten Pariser Kathedrale wird nach mittelalterlichen Methoden wieder aufgebaut. Das gefällt nicht allen.

Stefan Brändle, Paris
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Für den Wiederaufbau der Pariser Notre-Dame Kathedrale werden 2'000 Eichen gefällt.

Für den Wiederaufbau der Pariser Notre-Dame Kathedrale werden 2'000 Eichen gefällt.

Francisco Seco / AP

Auch Bäumen ist kein ewiges Leben beschieden. Pfarrer Amaury de la Motte Rouge segnet die hohe Eiche mit einem Kreuz, dann machen sich die Holzfäller ans Werk. In wenigen Minuten fällt der Stamm, der hundert Jahre lang gewachsen war, mit einem gewaltigen Rauschen und Krachen zu Boden. Als er aufschlägt, erzittert der ganze Wald von Vibraye unweit der Stadt Le Mans.

Der Eichenstamm ist einer von 2'000 Artgenossen, die in gut drei Jahren das neue Dachgebälk der Kathedrale von Notre-­Dame bilden sollen. Experten bestimmen und nummerieren derzeit Bäume im ganzen Land. Von Korsika bis an den Ärmelkanal, vom Elsass bis in die Bretagne soll jede französische Region, jeder Grosswald im neuen Gebälk der Kathedrale vertreten sein, das am 15. April 2019 niedergebrannt war.

42'000 Menschen finden die Aktion völlig daneben

Im Wald von Vibraye herrscht das Hochgefühl, zu einer Mission von nationaler Bedeutung beigesteuert zu haben. Die gefällte Eiche sei eine der schönsten des ganzen Bestandes – schnurgerade und genau zentriert, freute sich der Baumverwalter Bernard D’Harcourt in der Lokalzeitung «L’Echo sarthois». Die Baumfällung sei paradoxerweise ein Zeichen dafür, dass «Notre-Dame wieder auferstehen wird».

Nicht alle sind so euphorisch. Eine nationale Petition hält sich darüber auf, dass so viele, teils jahrhundertealte Bäume dem Wiederaufbau der Kirche geopfert werden. 42,000 Unterzeichner sehen darin eine «Absurdität», ja einen «Ökozid».

Der Erfolg der Petition hält sich allerdings in Grenzen. Der Wiederaufbau der Kathedrale geht in Frankreich vor. Und die gefällten Bäume stellen laut dem Nationalen Forstamt gerade mal 0,1 Prozent der jährlichen «Eichenernte» zu Gewerbezwecken dar. Überhaupt sei die Waldfläche in Frankreich wie in ganz Europa heute am Zunehmen, sagen Förster.

Kurze Trocknungsphase wegen Emmanuel Macron

Alternativen gibt es kaum. Die Kathedralen von Reims und Nantes sind mit viel Beton restauriert worden. Bei der Kathedrale von Notre-Dame soll der Wiederaufbau aber «à l’identique» erfolgen, also wie im Original aus dem 13. Jahrhundert.

Die Zimmerleute werden die Holzarbeiten teils wie im Mittelalter ausführen. Die Baumstämme werden zwar mechanisch zersägt, im Giebel aber mit Äxten und Handsägen eingepasst, genauso, wie das schon die Kathedralenbauer vor 800 Jahren gemacht hatten.

Während sie sich beim Bau der Gotteshäuser im Mittelalter aber noch Zeit gelassen hatten, eilt es nun: Präsident Emmanuel Macron will die Basilika noch vor Beginn der olympischen Sommerspiele im April 2024 wiederöffnen. Die Eichenstämme können deshalb nur 12 bis 18 Monate trocknen. «Wie früher, als auch schon grünes Holz eingesetzt wurde, können sich die Balken und Sparren noch leicht verformen», erklärt Emmanuel Maurin vom Forschungslabor der historischen Monumente im Gespräch.

«Es ist deshalb wichtig, die besten Bäume auszuwählen, sie richtig zu bearbeiten und die Verformung zu antizipieren.»

Das sagt der Wissenschaftler, der nach dem Brand wochenlang als einziger Holzexperte Zugang zur Brandruine der Notre-Dame hatte.

Ob die Kathedralenbauer von heute so gut waren wie jene vor 800 Jahren, wird sich also erst in vielen Jahren zeigen. Aber Notre-Dame hat Zeit: Sie wird für die Ewigkeit gebaut.