2. Weltkrieg
Wie die USA 1941 in den zweiten Weltkrieg hineingezogen wurden

Für die Bewohner Oahus kommt der Angriff aus heiterem Himmel: An einem Sonntagmorgen ab 7.48 Uhr attackieren 183 japanische Flugzeuge den Hafen von Pearl Harbor.

Christian Nünlist
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Pearl Harbor: Der Tag der Schande
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Pearl Harbor: Der Tag der Schande

30 Minuten später greift eine zweite Welle von Flugzeugen Amerikas grössten Marinestützpunkt im Pazifik an. Explosionen, Feuer und Rauch erfüllen die Luft, Schiffe versinken, auf Flugfeldern werden Piloten beim Versuch getötet, ihre Flugzeuge zu besteigen. Zwei Stunden lang regnet es auf Hawaii Tod und Zerstörung vom Himmel. Dann sind 18 Schiffe gesunken oder beschädigt, 300 Flugzeuge zerstört, 2403 Amerikaner tot. An Bord der «USS Arizona» alleine sterben 1777 Matrosen.

Amerikanischer Kriegseintritt

Die USA erklären Japan am folgenden Tag den Krieg, Präsident Franklin D. Roosevelt bezeichnet den 7. Dezember 1941 als «Tag der Schande». Adolf Hitler zieht nach und erklärt den USA drei Tage später ebenfalls den Krieg. Für Amerika beginnt der Zweite Weltkrieg. Schon 1945 taucht eine erste Verschwörungstheorie auf: Der Journalist John Chamberlain wirft Roosevelt im Magazin «Life» vor, er habe von dem bevorstehenden Angriff gewusst und ihn trotzdem zugelassen.

Zwar untersuchen zwischen 1942 und 1946 sieben offizielle Untersuchungskommissionen die Frage, ob die Roosevelt-Regierung den Angriff auf Pearl Harbor hätte abwenden können. Die Skeptiker der offiziellen Version glauben trotzdem, Roosevelt habe seine Pazifikflotte absichtlich bombardieren lassen, um ein isolationistisches und zögerndes Amerika dank der öffentlichen Wut über den feigen japanischen Angriff sozusagen über die «Hintertür» in den Zweiten Weltkrieg gegen Hitler-Deutschland zu verstricken.

Wussten die USA vom Angriff?

Die Beweislage ist eindeutig, unter seriösen Historikern glaubt niemand den Theorien der Pearl-Harbour-Revisionisten. Bis heute ist auch kein einziges Regierungsdokument aufgetaucht, das ihre Behauptungen stützen würde. Die lang anhaltende Kontroverse ist längst gelöst worden. Der Vorwurf von Roosevelts Vorwissen ist «mit aller nötigen Klarheit widerlegt worden», wie der deutsche Historiker und Amerikaexperte Jürgen Heideking bereits 1996 festgehalten hat.

Aber im Internetzeitalter gewinnen die Verschwörungstheorien um Pearl Harbor wieder an Popularität. Roosevelt sei im Vorfeld konkret vor dem japanischen Angriff gewarnt worden, habe aber aus politischen Gründen keine rechtzeitigen Gegenmassnahmen ergriffen und die wichtige Information Admiral Husband E. Kimmel, dem Oberkommandierenden der US-Pazifikflotte, und Generalleutnant Walter C. Short, dem Hawaii-Kommandanten, absichtlich vorenthalten, heisst es auch heute noch.

Das Desaster von Pearl Harbor resultiert aber nicht aus einer zynischen Verschwörung von Präsident Roosevelt. Vielmehr ist es Folge einer akribischen Planung Japans und amerikanischer Fehleinschätzungen japanischer Absichten und Fähigkeiten. Zwar antizipieren die USA eine japanische Attacke, aber sie glauben, sie würde anderswo im Pazifik passieren.

US-Armee war zu schlecht ausgerüstet

In Pearl Harbor rechnen sie nur mit Sabotage, aber nicht mit einem Luftangriff, den sie Japan wegen der grossen Distanz schlicht nicht zutrauen. Walter C. Short befiehlt aus Angst vor Sabotageakten, dass die US-Kampfflugzeuge nahe beieinander gruppiert werden. Das macht sie leider zu perfekten Zielen für die angreifenden japanischen Flugzeuge.

Im Militärhafen fehlen zudem Anti-Torpedo-Netze, weil das US-Militär meint, solche Netze würde die Mobilität der Schiffe im Notfall einschränken. Die Amerikaner glauben auch, die nur 12 Meter tiefen Gewässer vor Pearl Harbor seien zu seicht für den Einsatz von Torpedos. Tatsächlich gelingt es den Japanern erst Anfang November 1941, ihre Torpedos für den Einsatz mit Holzflossen zu adaptieren – und sie schaffen es, das neue Design der Torpedos geheim zu halten.

Amerikanische Radar-Operateure auf Oahu sind zudem schlecht ausgebildet und unerfahren. Am Morgen des 7. Dezember halten sie die japanischen Flugzeuge im Anflug auf Hawaii für amerikanische B-17-Bomber. Einen allfälligen Angriff auf Hawaii erwarten die Amerikaner ausserdem von den japanisch besetzten Marshallinseln im Südosten Hawaiis aus. Stattdessen attackieren die Japaner vom Norden her.

Rassistische Vorurteile in Amerika

Wie selbstverständlich gehen alle amerikanischen Verantwortlichen davon aus, dass die Japaner nicht in der Lage seien, die Flottenbasis auf Hawaii über eine Distanz von fast 5000 Kilometern erfolgreich zu attackieren. Zu dieser Fehlperzeption tragen auch rassische Vorurteile und nationale Überheblichkeit bei. Die japanischen militärischen Fähigkeiten werden von Roosevelt und seinen Beratern generell unterschätzt.

Auch aus militärstrategischer Sicht macht die Behauptung, Roosevelt habe seine eigene Flotte absichtlich versenken lassen, um vom Kongress eine Kriegserklärung gegen Deutschland zu erhalten, keinen Sinn. Weshalb würde ein Präsident unmittelbar vor einem Krieg die Prunkstücke seiner Navy freiwillig zerstören lassen? Verschwörungstheoretiker verweisen als Beweis für Roosevelts Vorwissen gerne darauf, dass amerikanische Flugzeugträger und Schlachtkreuzer zum Zeitpunkt der Attacke nicht im Hafen sind, sondern nur «obsolete» Schiffe getroffen werden.

Die wichtige Bedeutung von Flugzeugträgern im Pazifik ist jedoch Ende 1941 noch nicht klar. Roosevelt ist ein orthodoxer Militärstratege, der davon ausgeht, dass Kriegsschiffe im Krieg eine entscheidende Rolle spielen würden. Roosevelt ist zudem erwiesenermassen ein riesiger Fan der US-Navy, wie jede Biografie seines Lebens verdeutlicht.

Es wäre auch falsch, Roosevelt zu unterstellen, er habe 1941 gegen Japan und Deutschland in den Krieg ziehen wollen. Im Gegenteil glaubt er, dass die Verteidigung Amerikas damals noch zu schwach sei und dass mehr Zeit nötig sei, um das Land für den kommenden Krieg vorzubereiten. Roosevelt betrachtet Deutschland als Hauptfeind Amerikas und findet, ein Krieg im Pazifik würde die USA unnötigerweise vom Fokus auf Hitler-Deutschland ablenken. Roosevelt kann zudem nicht davon ausgehen, dass Adolf Hitler nach Pearl Harbor den USA den Krieg erklären würde.

US-Geheimdienst erst im Aufbau

Natürlich gibt es in den Wochen vor Pearl Harbor einen veritablen Blizzard an geheimdienstlichen Informationen über Japans Kriegsvorbereitungen. Die Geheimdienste sind aber schlecht dotiert und überarbeitet und sie versagen darin, den japanischen Angriff auf Hawaii konkret vorherzusagen. Ein zentraler Nachrichtendienst ist erst gerade im Aufbau, Roosevelt hat im Juli 1941 William J. Donovan zum Informationskoordinator ernannt, das Office of Strategic Services (OSS) – der Vorläufer der CIA – wird allerdings erst im Sommer 1942 gegründet. Es fehlt unter anderem an kompetenten Japanisch-Übersetzern.

Die Geheimdienste warnen Anfang Dezember, dass die Japaner Kriegsschiffe und Truppentransporter der chinesischen Küste entlang nach Indochina verschieben, und sagen deshalb japanische Attacken gegen die Philippinen, Thailand und die Malaiische Halbinsel voraus. Die US-Spione irren sich, als sie behaupten, die japanischen Flugzeugträger befänden sich noch in Japan. Dabei sind sie am 26. November in See gestochen, bewahren aber strikte Funkstille.

Flottencodes bleiben unentziffert

Den US-Kryptologen ist es zwar 1940 gelungen, den japanischen Code namens «Purple» zu knacken. Die USA können so Telegramme von Tokio an japanische Botschaften überall auf der Welt mitlesen. Das betrifft aber nur diplomatische, keine militärischen Telegramme. Um den Angriff auf Pearl Harbor vorhersehen zu können, hätten sie aber in der Lage sein müssen, die höheren japanischen Flottencodes zu lesen, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Fall ist.

Im Herbst 1941 häufen sich allgemeine Warnungen vor einer japanischen Attacke, aber ohne Hinweis auf Hawaii. Am 27. November 1941 warnt die US-Regierung ihre Militärkommandanten im Pazifik, inklusive Kimmel und Short, dass ein aggressiver Schritt Japans in den nächsten Tagen erwartet werden müsse. Ein Angriff auf Pearl Harbor wird aber nicht vorhergesehen. Die US-Militärplaner haben sich längst festgelegt, wo eine japanische Attacke stattfinden würde – und es gibt keine Hinweise darauf, dass Japan Hawaii angreifen wird. Der japanische Überfall ist sorgfältig vorbereitet und wird von raffinierten Täuschungsmanövern begleitet.

Der Überraschungsangriff auf Pearl Harbor gelingt. Franklin D. Roosevelt wird überrascht, es gibt keine niederträchtige Verschwörung. Die Vorstellung, der US-Präsident sei am 7. Dezember 1941 im Weissen Haus gesessen und hätte die Zerstörung seiner Navy absichtlich zugelassen und heimlich sogar begrüsst, ist pure Fantasie.