Westafrika
Warum sich in Burkina Faso viele über den Militärputsch freuen

Die Bevölkerung hofft auf ein Ende der Gewalt. Die Sicherheitslage im Land kostete einst auch einen prominenten Schweizer das Leben.

Fabian Hock
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Party-Szenen nach dem Militärputsch in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Die Armee hat am Wochenende die Macht in dem westafrikanischen Land übernommen.

Party-Szenen nach dem Militärputsch in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Die Armee hat am Wochenende die Macht in dem westafrikanischen Land übernommen.

Lambert Ouedraogo / EPA

Als Melchior Lengsfeld am Freitagabend in Burkina Faso das Flugzeug in Richtung Schweiz bestieg, ahnte er nicht, dass nur Stunden später das Militär die Macht in dem westafrikanischen Land an sich reissen sollte. «Die Situation vor Ort war verhältnismässig ruhig, bis zu meiner Abreise zeichnete sich der Militärputsch noch nicht klar ab», sagt er zu CH Media. Lengsfeld ist Geschäftsleiter der Hilfsorganisation Helvetas. In Burkina Faso engagiert sich die Schweizer Organisation seit fast 20 Jahren, schafft Zugänge zu sauberem Trinkwasser und unterstützt bei der Berufsbildung der lokalen Bevölkerung.

Kurz nachdem Lengsfeld das Land verliess, überschlugen sich die Ereignisse. Präsident Roch Marc Kaboré wurde vom Militär abgesetzt, die Verfassung ausser Kraft gesetzt. Die Regierung und die Nationalversammlung wurden aufgelöst, die Landesgrenzen geschlossen. «Man wusste, dass Demonstrationen angesagt sind, es herrschte in der Hauptstadt Ouagadougou aber keine aussergewöhnliche Anspannung», sagt Lengsfeld.

Melchior Lengsfeld

Melchior Lengsfeld

Maurice K. Grünig

Die Probleme des Landes indes liegen tief. Lengsfeld beschreibt die Situation vor Ort so: «Das Land kämpft seit Jahren schon unter den Auswirkungen des Klimawandels sowie unter einer unstabilen Sicherheitslage: Es kommt immer wieder zu bewaffneten Konflikten, teilweise von islamistisch-extremistischen Bewegungen.» Rund 1,5 Millionen Menschen wurden intern vertrieben, rund 3 Millionen Kinder, Frauen und Männer haben nicht genügend zu essen. «Perspektivlosigkeit und der Umstand, dass der Präsident und die Regierung die Konflikte nicht lösen und vor allem keine Sicherheit garantieren konnten, beeinträchtigt das Leben vieler Menschen vor Ort stark», sagt Lengsfeld.

Kämpfe unter bewaffneten Gruppen

Über den Putsch sind viele deshalb sogar froh. Es gebe «grundsätzlich ein gewisses Wohlwollen» gegenüber dem Militär, erklärt Lengsfeld. «Viele Menschen hoffen, mit dem Putsch verändere sich etwas zum Besseren.» Das gilt insbesondere für die Sicherheitslage. Verschiedene bewaffnete Gruppen treiben in dem Land ihr Unwesen, Terroranschläge sind häufig. Und das seit Jahren schon. In der Schweiz ist bis heute vor allem eine Attacke noch in trauriger Erinnerung: Im Januar 2016 kamen bei einem Angriff in der Hauptstadt Ougadougou 29 Menschen ums Leben, darunter der frühere Schweizer Post-Direktor Jean-Noël Rey und der ehemalige Walliser Politiker Georgie Lamon.

Wie es nach dem Militärputsch im Land weitergeht, ist unklar. Lengsfeld von Helvetas sagt: «Es braucht möglichst rasch einen Übergang zu einer breit anerkannten, legitimen Regierung. Also Wahlen, damit sich die Lage stabilisiert und das Land auf den demokratischen Pfad zurückfindet.» Er warnt jedoch vor Sanktionen: diese würden vor allem die Bevölkerung treffen, die ohnehin bereits mit Wasser- und Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen habe.

Stattdessen bräuchte es Perspektiven für die jungen Leute, meint Lengsfeld: «Solange sie keine Ausbildung und Arbeit im Land haben, ist die Gefahr gross, dass sie von extremistischen Bewegungen vereinnahmt werden. Gerade in dieser angespannten Situation ist es wichtig, dass die internationale Gemeinschaft und auch wir NGOs engagiert bleiben, solange konkrete Unterstützung möglich ist.»

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