Weltweiter Hotspot
Der Corona-Kollaps: Ein Arzt und eine Überlebende berichten über die katastrophalen Zustände in Indien

Mehr als 350'000 Neuinfektionen täglich, über 200'000 Coronatote insgesamt: In Indien ist die Lage komplett ausser Kontrolle geraten. Betroffene in der Hauptstadt Delhi erzählen, warum sie den Kampf trotzdem noch nicht aufgegeben haben.

Philipp Hedemann
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Patientin mit Sauerstoffmaske im Spital in der Hauptstadt Delhi: In Indien ist die Coronalage ausser Kontrolle geraten.

Patientin mit Sauerstoffmaske im Spital in der Hauptstadt Delhi: In Indien ist die Coronalage ausser Kontrolle geraten.

Idrees Mohammed / EPA

«Vor manchen Krankenhäusern stehen viele Krankenwagen und werden ihre Patienten nicht los», sagt Suviraj John, Chefarzt am renommierten Sir-Ganga-Ram-Spital in Delhi. Teilweise seien sie auf der Suche nach einem freien Bett zwei, drei Tagen durch die ganze Stadt gefahren und hätten keines gefunden, berichtet er. «Manche Patienten sterben im Krankenwagen, und die Hospitäler haben nicht genug Platz, um die Leichen zu lagern.»

Verzweifelt kämpft der Mediziner in der indischen Hauptstadt gegen die heftige zweite Coronawelle, und ist dennoch oft machtlos. Im ganzen Land mangelt es an Medikamenten, freien Spitalbetten und Sauerstoff, um schwer erkrankte Patienten zu beatmen.

Der Arzt Suviraj John aus Delhi sagt: «Diese zweite Covid-19-Welle stellt uns alle auf eine unerwartete harte Probe.»

Der Arzt Suviraj John aus Delhi sagt: «Diese zweite Covid-19-Welle stellt uns alle auf eine unerwartete harte Probe.»

Hedemann

Indien meldete am Mittwoch 360'960 Neuinfektionen - erneut ein weltweiter Höchstwert. Das Land hat zudem die Schwelle von 200'000 Todesfällen überschritten. 3293 Menschen starben allein am Mittwoch in Verbindung mit dem Virus - so viele wie nie zuvor. Mit fast 18 Millionen nachgewiesenen Fällen hat Indien nun weltweit am zweitmeisten Infektionen hinter den USA. Experten befürchten jedoch, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen dürfte, da in Indien nach wie vor wenig getestet wird.

Medizinisches Personal im «Überlebensmodus»

«Viele Krankenhäuser haben derzeit nicht genug medizinischen Sauerstoff. Das gesamte medizinische Personal arbeitet im Überlebensmodus bis zur körperlichen und emotionalen Erschöpfung und versucht, so viele Leben wie möglich zu retten», sagt Suviraj John. Trotz der rund um die Uhr arbeitenden Ärzte und Pfleger müssen derzeit Hinterbliebene in Krematorien aushelfen, um ihre verstorbenen Angehörigen einzuäschern.

Mit der weltweit grössten Ausgangssperre versuchte Indien zu Beginn der Pandemie den Kollaps zu verhindern. Selbst China ist nicht so rigoros gegen die Ausbreitung des Virus vorgegangen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft waren katastrophal, Staat und Hilfsorganisationen mussten Millionen Menschen mit Hilfslieferungen unterstützen. Doch die zunächst relativ geringen Infektions- und Todeszahlen schienen Premier Narendra Modi Recht zu geben.

Wie die Lage ausser Kontrolle geriet

Seit Anfang Juni letzten Jahres wurde der strikte Lockdown jedoch schrittweise gelockert, Anfang April kamen beim Kumbh Mela, dem grössten hinduistischen Fest der Welt, Millionen Menschen zusammen, um gemeinsam und oft ohne Abstand und Maske zu feiern und im Ganges zu baden. Auch wenn die Teilnahme offiziell nur mit einem negativen Coronatest erlaubt war, wurden die Feierlichkeiten sowie überlaufene Wahlkampfveranstaltungen und gut besuchte Cricket-Spiele zu Superspreader-Events.

«Kein anderes Land der Welt hatte so einen schnellen Anstieg der Infektionszahlen wie Indien», sagt Suviraj John. Man habe mit einer zweiten Welle zwar gerechnet, aber nicht damit , dass sie so dramatisch werden würde.

Ein aussichtsloser Kampf

Christian Wagner, Indien-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, warnte schon zu Beginn der Pandemie, dass das öffentliche indische Gesundheitssystem irgendwann unter der Wucht von vielen Neuinfektionen kollabieren könnte. «Mit dem unterfinanzierten und oft maroden öffentlichen Gesundheitssystem konnte man einer solchen Herausforderung nicht Herr werden», sagt Wagner.

Die zweite Coronawelle sei derzeit «ausser Kontrolle», meint auch Franklin Jones, Chef des Katastrophenmanagements der internationalen Hilfsorganisation World Vision in Indien: «Die Menschen betteln um ein Krankenhausbett für sich und ihre Angehörigen, einige Menschen sterben auf den Gehwegen vor den überfüllten Kliniken. In Teilen der Bevölkerung herrscht Panik», so der erfahrene Helfer.

Pratibha Srivastava ist Koordinatorin der Welthungerhilfe - und eine der offiziell mehr als 17,6 Millionen Inderinnen und Inder, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Die 53-Jährige infizierte sich Ende März in der Millionen-Stadt Bhopal. «Obwohl ich mich sofort in Quarantäne begeben habe, habe ich auch meine beiden Kinder und meinen Mann angesteckt», sagt sie im Gespräch. «Die derzeit in Indien vorherrschende Virusmutation ist sehr aggressiv. Ich hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, trockenen Husten und war sehr erschöpft», berichtet sie.

Hat Covid-19 überstanden: Pratibha Srivastava.

Hat Covid-19 überstanden: Pratibha Srivastava.

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Mehrere ihrer Familienangehörigen und Freunde sind bereits an Covid-19 gestorben. Angst macht Pratibha Srivastava, dass mittlerweile auch viele jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen schwer erkranken. «Es gibt einfach viel zu wenig Testkapazitäten. Von symptomfrei Erkrankten, die das Virus unwissentlich verbreiten, geht deshalb eine grosse Gefahr aus», sagt sie.

Selbst der Erzfeind verspricht Hilfe

Aus Angst vor der Ausbreitung der derzeit in Indien dominanten Virusmutante B.1.617 hat die Schweiz Indien unterdessen auf die Risikoliste gesetzt. Andere Länder wie Deutschland gingen bereits weiter und verhängten einen Einreisestopp. Zugleich sagten etwa die USA, Grossbritannien und weitere Staaten – darunter Erzfeind Pakistan – Indien zu, das Land schnell mit Sauerstoff, Beatmungs- und Röntgengeräten zu unterstützen.

Trotz der derzeit dramatischen Situation gibt sich Suviraj John vom Sir-Ganga-Ram-Spital in Delhi kämpferisch. Der Arzt sagt: «Unser Land hat in der Vergangenheit schon viele Katastrophen wie Hungersnöte durchgemacht. Aber diese zweite Covid-19-Welle stellt uns alle auf eine unerwartete harte Probe. Doch Inder sind sehr gut darin, sich in Krisen neu zu erfinden. Wir werden auch diesen Kampf gewinnen.»

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