Weltgesundheitsorganisation
Covax-Initiative kommt schleppend voran: Ist dieser Mann schuld am Impfdebakel in Afrika?

Das Programm von WHO-Chef Tedros stockt – jetzt muss er um seinen Job kämpfen.

Jan Dirk Herbermann, Genf
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Tedros Adhanom Ghebreyesus ist Chef der WHO. Er muss sich gerade viel Kritik anhören.

Tedros Adhanom Ghebreyesus ist Chef der WHO. Er muss sich gerade viel Kritik anhören.

Keystone

Mit ernster Miene lässt sich Doktor Tedros in seinem Chefsessel nieder. Zuerst blättert der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch Papiere, dann legt er los: «Guten Morgen, guten Tag und guten Abend.»

Tedros beginnt seine Internet-Reden über die Pandemie immer mit den gleichen Worten. Dabei beklagt der Äthiopier regelmässig «katastrophales moralisches Versagen», er verlangt «globale Solidarität» oder er beschwört «unsere gemeinsame Zukunft». Dabei geht es auch um die Zukunft der WHO und ihres gewieften Chefs selbst. Tedros Adhanom Ghebreyesus weiss das nur allzu gut. Kaum ein anderer Chef einer internationalen Organisation steht so in der Kritik wie er.

Covax-Initiative bleibt weit hinter Erwartungen zurück

Auf der Weltgesundheitsversammlung, die noch bis zum 1. Juni tagt, schlägt Tedros, 56, einmal mehr der Unmut aus vielen der 194 WHO-Mitgliedsländer entgegen. Schliesslich ist in seiner Amtszeit ein lokaler Corona-Ausbruch in China zu einer Jahrhundertkrise mutiert. Die Liste der Vorwürfe, die sich die WHO und Tedros gefallen lassen müssen, ist umfangreich: Von der halbherzigen WHO-Reaktion bis hin zur verschleppten Empfehlung an die Mitgliedsländer, den Verkauf wilder Säugetiere auf allen Lebensmittelmärkten bis auf weiteres zu verbieten – notabene 15 Monate nach Ausbruch der Pandemie.

In der Kritik steht Tedros auch wegen der schleppenden Impf-Kampagnen in ärmeren Regionen der Welt. Die WHO will hier mithilfe des internationalen Programms Covax gegensteuern, das im April 2020 entstand. Doch Covax kommt nicht richtig voran.

Die Impfkampagne in Afrika (im Bild eine Frau in Kapstadt, Südafrika) kommt nicht in die Gänge.

Die Impfkampagne in Afrika (im Bild eine Frau in Kapstadt, Südafrika) kommt nicht in die Gänge.

AP

Die Initiative schreibt sich auf die Fahne, eine weltweit faire und schnelle Verteilung von Impfstoffen gegen Covid-19 sicherzustellen. Arme Länder sind für Covax-Transporte vorgemerkt, die meisten erhalten die Vakzine kostenlos. Ende Februar händigte Covax die ersten Impfdosen aus, an das westafrikanische Ghana. Letzte Woche lag die ausgelieferte Menge erst bei 65 Millionen, erläutert die Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Eigentlich aber hätten es zu diesem Zeitpunkt «mindestens 170 Millionen Dosen sein sollen».

Nur ein Prozent der Dosen ging bislang nach Afrika

Besonders hart trifft der Impfnotstand die Menschen in Afrika: Nach UNO-Angaben von Mitte Mai wurden bislang weltweit 1,3 Milliarden Impfdosen verabreicht, nur ein Prozent der Dosen ging nach Afrika. Viele nationale Impfkampagnen des Kontinents hätten sich «kaum über die Startlinie bewegt», warnt die WHO-Regionaldirektorin Matshidiso Moeti.

Die Gründe für den Notstand? Zum einen fehlt es in den Entwicklungsländern an Infrastruktur und medizinischem Personal. Zum anderen fehlen dem mit freiwillig geleisteten Zahlungen finanzierten Covax für 2021 noch immer Gelder – etliche wohlhabende Staaten knausern. Und es mangelt Covax am Impfstoff selbst. Denn reiche Länder kauften den Markt leer und der Grossproduzent Indien verhängte einen Ausfuhrstopp für die begehrten Wirkstoffe. Trotz der Kalamitäten hält Covax an seinem ehrgeizigen Ziel fest: Bis Ende 2021 sollen zwei Milliarden Impfdosen ausgehändigt sein. Bleibt es bei dem bisherigen Tempo, dann wird die Vorgabe klar verfehlt. Das weiss auch WHO-Chef Tedros. Kein Wunder, dass er bei fast jeder Gelegenheit vor dem «Impfstoff-Nationalismus» wohlhabender Nationen warnt.

Doch nicht nur der «Impfstoff-Nationalismus» bedroht den Erfolg der WHO, sondern auch die erbitterte Rivalität der Grossmächte USA und China. US-Präsident Joe Biden stoppte zwar den von seinem Amtsvorgänger Donald Trump angestossenen Austrittsprozess. Allerdings beschuldigt auch das Biden-Team die Chinesen, den Ursprung des Corona-Erregers zu verdunkeln.

Fest steht daher: Beiden Grossmächten, den USA und China, kann es Tedros in dieser Krise zugleich nicht recht machen. Derzeit, urteilen Beobachter, seien weder die USA noch China enthusiastisch gegenüber Tedros eingestellt.

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