Deutschland
Was Angela Merkel so besonders macht – und warum sie noch einige Zeit Kanzlerin bleiben wird

Über die Psyche und die Persönlichkeit von Angela Merkel wurden Bücher geschrieben, Filme gedreht, Vorträge gehalten und Symposien veranstaltet – entschlüsselt hat ihre Persönlichkeit aber niemand; meist wird ihr am Ende der Recherchen eine Art von ratlosem Respekt bekundet.

Peter Hartmeier
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In sich gekehrt, blitzgescheit – und völlig anders als ihre Vorgänger: Angela Merkel.Key

In sich gekehrt, blitzgescheit – und völlig anders als ihre Vorgänger: Angela Merkel.Key

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In einem wichtigen Punkt kann man die Physikerin allerdings beurteilen: in ihrer Verhandlungsmethode, die sie offensichtlich auch in den Koalitionsverhandlungen mit FDP und Grünen anwandte – und damit aber scheiterte. Wer mit Merkel verhandelt, muss sich auf eine lange Verhandlungsdauer einstellen: Ihre physische und geistige Präsenz in sich über Nächte hinziehenden Verhandlungsprozessen ist legendär. Dabei werden alle scheinbar unüberwindbaren Differenzen auf den Tisch gelegt – kein einziger Punkt wird aber rasch abgearbeitet: Gegner werden zermürbt und beeindruckt. Bedeutungslose Indiskretionen und Andeutungen halten das Interesse in der Öffentlichkeit wach und sie beginnt Druck auf die Verhandlungspartner auszuüben, um endlich konkrete Resultate zu sehen.

Diese Balance zwischen perfekter Dossier-Kenntnis und taktischem Durchstehvermögen hat Angela Merkel im Laufe ihrer Regierungszeit perfektioniert – vor allem wegen ihrer Verhandlungen mit den EU-Vertretern. Merkel wartet während solcher Verhandlungen oft tagelang ab, um dann während einer einzigen Nachtsitzung die ermüdeten Gegner auf eine Einigung zu verpflichten. Warum ist sie in Berlin mit dieser Taktik gescheitert?

Sie hat, wie viele andere CDU-Politiker, die tiefgreifenden Veränderungen der wieder auferstandenen FDP zu wenig beachtet: Der junge, strahlende Held Christian Lindner bereitet sich auf eine noch 30 Jahre dauernde politische Karriere vor und wollte nicht die erste Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung nutzen. Zudem will die FDP sich nicht mehr als «Hilfs-Regierungspartei» verstanden wissen, sondern als wirtschaftsliberale, bürgerliche Kraft: Die FDP traut sich zu, Wirkung auch aus der Opposition heraus zu entfalten – gerade weil sie sich nicht als «Volkspartei» versteht. Echte Liberale, so die Botschaft Lindners, streben nicht unter allen Umständen nach Regierungs- und Verwaltungsämtern.

Die Abfuhr hat Angela Merkel aber sichtbar erneuert: Während sie sich im Wahlkampf vom ewigen Plauderer Martin Schulz keine Sekunde herausgefordert sah und sich offensichtlich langweilte, wirkte sie am Ende der gescheiterten Verhandlungen erstaunlich keck und lebensmutig; ihr inhaltlich einfacher Satz machte die Ausgangslage klar: «Selbstverständlich trete ich im Fall von Neuwahlen wieder an. Alles andere wäre komisch.» Und mit diesem einen Satz setzte sie die SPD unter Druck: Plötzlich hinterfragen die Genossen ihre Weigerung, sich an einer Regierung unter Führung von Angela Merkel zu beteiligen. Sie ahnen nämlich, dass ihnen bei Neuwahlen eine erneute Niederlage drohen würde. So steht sie nun also wieder da – und bleibt vorläufig Kanzlerin: Angela Merkel. Mit einigen wenigen Sätzen hat sie das klargemacht.

Mancher deutsche Bürger hält sie für langweilig, uninspiriert und rätselt seit Jahren warum sich in keiner Partei ein ebenbürtiger Kanzler-Kandidat entwickelt hat: Warum vertraut trotzdem noch immer ein grosser Teil der Deutschen der amtierenden Regierungschefin? Der Grund liegt in ihrem Charakter und ihrem Auftreten: Beides verströmt Sicherheit. In unserer Welt voller Selbstdarstellungen, spektakulärer Auftritte und egozentrisch inspirierter Inszenierungen hat sich mit Merkel über Jahrzehnte hinweg eine Persönlichkeit entwickelt, die den Gesellschafts-, Polit- und Medien-Zirkus zwar nützt, aber ihre eigenen Regeln anwendet. Die Substanz ihrer Persönlichkeit, ihrer Politik und ihrer Auftritte ist völlig deckungsgleich.

Der Vergleich mit ihren politisch erfolgreichen Vorgängern offenbart den Unterschied: Der konservative Katholik Helmut Kohl propagierte während vieler Jahre eine «moralisch-geistige Wende» und lobte das althergebrachte Familienmodell: Hinter vorgehaltener Hand wurde über das ruinöse Ehe- und Familienleben Kohls aber schon immer gemunkelt, was sich dann nach seinem Tod als dramatische Wirklichkeit entpuppte. Gerhard Schröder positionierte sich gerne in der Nachfolge des intellektuellen, disziplinierten Helmut Schmidt und des visionären Willy Brandt: Und heute nehmen wir staunend zur Kenntnis, wie der Putin-Vertraute gegen Geld wohl jedes Amt der Welt übernehmen würde. Kohl wie Schröder waren in entscheidenden Phasen ihrer Amtszeit hervorragende Politiker – aber beide haben charakterlich in aller Öffentlichkeit versagt.

Die in sich gekehrte, blitzgescheite Pfarrers-Tochter aus der für uns fremd gebliebenen DDR geht einen anderen Weg: Weder twittert sie Obszönitäten in die Welt wie der seltsame amerikanische Präsident, noch zelebriert sie republikanischen Pomp wie Macron in Paris, um neue Ideen zu lancieren. Irgendwie scheint sie immer noch im Pfarrhaus zu leben. Das mögen die Menschen – auch wenn sie zu ahnen beginnen, dass ihre Zeit als Kanzlerin langsam, aber sicher zu Ende geht. Deshalb werden wir sie eines Tages alle vermissen – vor allem wir Schweizer. Unsere Grosseltern und Urgrosseltern hätten sich nämlich immer derart bescheidene und disziplinierte Regierungschefs auf deutschem Boden gewünscht.

Peter Hartmeier ist freier Publizist und Berater; er ist Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien AG.

Alle Bundeskanzler von der Bundesrepublik Deutschland:

Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Der CDU-Politiker Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Regime. Er boxte den NATO-Beitritt und die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegen den Widerstand der SPD durch. Die EGKS ist der Grundstein der Europäischen Union (EU). Adenauer unterschrieb den deutsch-französischen Friedensvertrag und setzte sich für die deutsch-jüdische Versöhnung ein.
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Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Ausserdem wird Adenauer für die wirtschaftliche Erholung der westdeutschen Gesellschaft verantwortlich gemacht. Vorgeworfen wird ihm, dass er zu lange an seiner Position geklammert hat. Bei den Wahlen 1963 hat er seinen späteren Nachfolger Ludwig Erhard strikt abgelehnt. Adenauer war der älteste Bundeskanzler von Deutschland. Er hatte mit 73 Jahren das Amt angetreten und regierte bis zu seinem 88. Lebensjahr.
1953: Erster Besuch in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) hatte am 7. April 1953 als erster deutscher Regierungschef nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die USA besucht. Auf diesem Bild unterhält er sich mit dem US-Aussenminister John Foster Dulles in Washington.
1963: Erster Besuch von den USA in den Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Zehn Jahre nach dem Treffen von Konrad Adenauer und dem US-Aussenminister John Foster Dulles reiste der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy nach Deutschland. Kennedy kam am 23. Juni 1963 auf dem Flughafen Wahn an und wurde von Adenauer empfangen. Auf diesem Bild sieht man die Regierungschefs beim Abspielen der beiden Nationalhymnen.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Die Kanzlerschaft von Ludwig Erhard stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Einerseits wurde er von seinem Vorgänger und Parteikollege Konrad Adenauer scharf angegriffen, andererseits kam es zu einer leichten wirtschaftlichen Schwächephase.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Erhard versuchte, die Beziehungen zu den USA zu stärken. Ausserdem nahm er diplomatische Beziehungen zu Israel auf, was heftige Proteste in arabischen Staaten auslöste.
Ludwig Erhard (CDU): 1963 - 1966 Der zweite Kanzler nach dem Zweiten Weltkrieg trat Ende 1966 zurück, nachdem er sich mit seiner Partei überworfen hatte. Auch die wirtschaftliche Probleme wurden ihm angelastet.
Kurt Georg Kiesinger (CDU): 1966 - 1969 Der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger ging in die Geschichte als der Bundeskanzler der ersten «Grossen Koalition» ein. Er vermittelte zwischen den beiden grossen Parteien CDU und SPD.
Kurt Georg Kiesinger (CDU): 1966 - 1969 Diese Vermittlungen zwischen den beiden Parteien wurden Kiesinger oft angelastet. Er habe zu wenig selber entschieden. Weil er früher der rechtsradikalen Partei NSDAP angehörte, musste er diverse Angriffe von politischen Gegnern aushalten. Die Union (CDU und CSU) verfehlte bei der Bundestagswahl 1969 die absolute Mehrheit um lediglich sieben Mandate.
Willy Brandt (SPD): 1969 - 1974 Er war der erste Sozaildemokrat im Bundeskanzleramt. Für seine aussenpolitischen Anstrengungen erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis. Willy Brandt setzte sich für die Ostverträge ein und förderte die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarländern.
Willy Brandt (SPD): 1969 - 1974 In seiner Amtszeit fiel aber auch die Ölkrise 1973, was zu mehr Arbeitslosen führte. Ein waschechter Skandal war die Enttarnung seines engen Mitarbeiters Günter Guillaume als DDR-Spion. Brandt stelle daraufhin sein Amt zur Verfügung und begründete den Rücktritt damit, dass es «keinen Zweifel an der Integrität des Bundeskanzlers geben dürfe.» Politische Beobachter sind sich heute einig, dass Brandt wegen Arbeitsmüdigkeit und Depressionen zurücktrat.
1970: Der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt am Mahnmal in Warschau Der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt kniete am 7. Dezember 1970 am Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos in Warschau nieder. Der symbolischen Geste folgte die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen Polen und Deutschland.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Die ersten Jahre der Amtszeit des SPD-Politikers Helmut Schmidt wurden vom Terror der Roten Armee Fraktion geprägt. Schmidt verfolgte strikt die Politik, dass der Rechtsstaat gewahrt werden müsse.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Innenpolitisch verfolgte er einen konservativen Kurs, was vielen Parteimitgliedern sauer aufstiess. Er unterstützte den NATO-Doppelbeschluss, was das Ende seiner Amtszeit einläutete.
Helmut Schmidt (SPD): 1974 - 1982 Schmidt wurde wegen seiner offenen und direkten Art auch «Schmidt-Schanuze» genannt. Der Bundeskanzler war bekannt dafür, überall zu rauchen wo er nur konnte. Auch in Fernsehstudios trat er immer mit dem Glimmstengel auf, was ihm auch einige Kritik einbrachte. Letztlich war es aber Schmidts Markenzeichen. Helmut Schmidt verstarb am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren an einer Infektion.
Helmut Kohl (CDU): 1982 - 1998 Der erste CDU-Kanzler nach 13 Jahren wurde durch ein Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt mit den Stimmen von CDU, CSU und der Mehrheit der FDP-Fraktion zum neuen Bundeskanzler gewählt. Er setzte sich starkt für den Euro ein und ist ein Befürworter der Europäischen Union.
Helmut Kohl (CDU): 1982 - 1998 Der Höhepunkt der Amtszeit von Helmut Kohl war die Deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1989. Weil die Wirtschaft in Ostdeutschland gegen Kohls Einschätzung zusammengebrochen war, nahm die Arbeitslosigkeit zu. Er wurde 1998 hauptsächlich wegen einer Rekordarbeitslosigkeit abgewählt. Mit 16 Jahren Amtszeit ist Kohl bis heute der Bundeskanzler, der am längsten amtierte.
2013: Helmut Kohl in der Schweiz Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl besuchte das Filmfestival in Zürich. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er wegen eines Unfalls schon seit Jahren im Rollstuhl.
Gerhard Schröder (SPD): 1998 - 2005 Der SPD-Politiker verweigerte 2002 den USA offiziell seine Zustimmung zum Irak-Krieg. Dies galt als wichtiger Grund für seine Wiederwahl im selben Jahr.
Gerhard Schröder (SPD): 1998 - 2005 Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit benannte Schröder mit der «Agenda 2010» sein Reformprogramm, dass der politischen Linken zu weit ging und wirtschaftsnahen Gruppen nicht weit genug ging. Dies führte zu Massenaustritten aus der SPD und zu schweren Wahlniederlagen der Partei. Mittels einer Vertrauensfrage erreichte Schröder vorgezogene Neuwahlen im Herbst 2005, weil er das Vertrauen der rot-grünen Koalition in sich beeinträchtigt sah. Er verlor die Neuwahlen, konnte aber die SPD in der Regierung halten.
2016: Gerhard Schröder am Swiss Media Forum in Luzern Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (links) wird von der Moderatorin Susanne Wille am Swiss Media Forum im KKL in Luzern interviewt.
Angela Merkel (CDU): 2005 - heute Die CDU-Politikerin wurde am 22. November 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt. Sie ist die erste Frau, die das höchste Regierungsamt Deutschlands bekleidet. Ausserdem war sie bei Amtsantritt mit ihren 51 Jahren die jüngste Amtsinhaberin in der Deutschen Geschichte.
Angela Merkel (CDU): 2005 - heute Die Amtszeit von Angela Merkel wurde und wird von vielen Krisen überschattet. So gelang es ihr, die Arbeitslosigkeit zu mindern. Die Folgen der Finanzkrise 2008, der Eurokrise ab 2009 und der Flüchtlingskrise ab 2015 bleiben aber immer noch aktuell. Merkel wird von ihren politischen Gegner Führungsschwäche vorgeworfen. Im Dezember 2016 kündigt sie an, bei den Wahlen 2017 für eine vierte Amtszeit kandidieren zu wollen.
2016: Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama Angela Merkel empfing den ersten afroamerikanischen Präsidenten Barack Obama bei dessen Abschiedstour in Berlin.
Alle acht Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler seit dem Zweiten Weltkrieg.

Konrad Adenauer (CDU): 1949 - 1963 Der CDU-Politiker Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hitler-Regime. Er boxte den NATO-Beitritt und die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegen den Widerstand der SPD durch. Die EGKS ist der Grundstein der Europäischen Union (EU). Adenauer unterschrieb den deutsch-französischen Friedensvertrag und setzte sich für die deutsch-jüdische Versöhnung ein.

Keystone

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