Flüchtlingskrise
Warum wollen Osteuropäer keine Flüchtlinge?

Nach der Schliessung der Grenze zu Serbien will Ungarn nun auch die Grenze zu Rumänien abriegeln. Warum wollen Osteuropäer keine Flüchtlinge? Eine Analyse.

Norbert Mappes-Niediek
Norbert Mappes-Niediek
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Flüchtlinge ennet der Grenze: Ungarn riegelt die Grenze ab.

Flüchtlinge ennet der Grenze: Ungarn riegelt die Grenze ab.

Keystone

Schäm dich, Viktor Orbán!», ruft Péter Juhász, ein Politiker der Opposition: «Du hast unser Volk erniedrigt!» Im Osten wie im Westen geht es bei der aktuellen Flüchtlingskrise nämlich auch um nationale Ehre:

Wenn «Orbán the awful» (Orbán der Furchtbare), wie der liberale Londoner «Guardian» den ungarischen Premier nennt, mit seiner mitleidlosen Abschottungspolitik sein Land in den Augen der Weltöffentlichkeit zum Schurkenstaat macht.

Um Ehre geht es auch, wenn die Deutschen sich in der Anerkennung für ihre Willkommenskultur sonnen oder österreichische Flüchtlingshelfer «endlich wieder stolz auf mein Land» sind. Flüchtlingspolitik polarisiert, regt auf, rührt an der Identität – hier wie dort.

Nur sind Akzeptanz und Abwehr ungleich verteilt. Östlich einer alten Grenze über den Kontinent sind die hartherzigen Gegner klar in der Mehrheit, westlich davon die Flüchtlingsfreunde. In manchen westlichen Ländern steht dieses Ungleichgewicht jedoch auf der Kippe – wie in den Niederlanden oder in Grossbritannien.

Solidarität trotz Nationalismus

Die Grenze über den Kontinent folgt allerdings nicht oder nicht genau der alten Systemgrenze zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Die Zustimmung zur ausländerfeindlichen Bewegung «Pegida» mag sich zwar exakt der früheren innerdeutschen Grenze entlangziehen.

Doch im ehemaligen Jugoslawien und besonders in Serbien steht die Sympathie für die Flüchtlinge von Bevölkerung und Behörden jener in Wien oder München in nichts nach.

Menschen, die selbst wenig haben, bringen in Ex-Jugoslawien ebenso spontan ihre abgelegte Kleidung oder Essenspakete zu den Flüchtlingen, die beispielsweise im Park vor dem Belgrader Busbahnhof campieren. Der Regierungschef verkündet unter Applaus, Serbien werde «Unterkünfte, keine Zäune» bauen. Dabei lassen sich die Serben an nationalem Empfinden ansonsten so leicht nicht übertreffen – bis heute nicht.

Auch die Unerfahrenheit mit Einwanderern kann es nicht sein – oder nicht alleine. Gerade Osteuropa hat eine vielvölkerstaatliche Tradition. So leben beispielsweise die mehrheitlich fremdenfeindlichen Bulgaren seit Jahrhunderten mit Anderssprachigen zusammen. Noch heute nehmen viele Menschen in der Kommunikation «die Sprache, die gerade frei ist», wie es etwa die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh einst in Bosnien beobachtete.

Ein möglicher Hintergrund für die ungleiche Verteilung von Akzeptanz und Abwehr kommt meistens nur verschlüsselt zur Sprache. «Es ist doch ganz logisch», schreibt etwa ein Arzt aus der bulgarischen Hauptstadt Sofia an seine Zeitung zur Begründung, warum das Land keine Flüchtlinge aufnehmen soll: «Dass je mehr Schafe auf der Weide sind, jedes einzelne umso weniger zu fressen hat.»

Die Metapher von der Weide trägt in sich eine tiefverankerte Mentalität: Nämlich jene der Menschen, die in einer zentralen Verteilungswirtschaft gross geworden sind. Ebenso tief sitzt auch die Enttäuschung darüber, dass die wirtschaftlichen Verheissungen, die man sich von einer Zuwendung zu Westeuropa erhofft hatte, nicht in dem Masse eintrafen, wie man es sich wünschte.

Man erhoffte sich Touristen, stattdessen kamen Flüchtlinge, wie ein Meinungsbeitrag in der «New York Times» kürzlich treffend formulierte. Eigentlich seien es ja sie, die Osteuropäer, denen geholfen werden müsste. Darin widerspiegelt sich eine Eigenwahrnehmung in der Opferrolle.

Aber auch der Mangel an Information und an Interesse für die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge tut sein weiteres zur osteuropäischen Aversion.

Den Staatsmedien von Bulgarien beispielsweise fehlt schlicht und einfach das Geld, um Reporter nach Syrien zu schicken und über die Verheerungen des Krieges zu berichten. In Ungarn sind es zudem behördliche Anweisungen, wie jene, keine Bilder von Flüchtlings-Kindern mehr im Fernsehen zu zeigen – sie könnten ja das Entstehen von Empathie bei der Bevölkerung befördern.

Bei all dem darf nicht vergessen werden: Im Wettlauf auf die satten Weidegründe der EU wurden die osteuropäischen Staaten über Nacht zu Konkurrenten. Jetzt, da sie die Weide erreicht haben, erleben sie täglich, wie überzählige Schafe auf Nachbarwiesen ausweichen. Polen, Litauen, Lettland, Rumänien und Bulgarien erfahren seit den 2000er-Jahren die grösste oder zweitgrösste Auswanderungswelle. Und mit den sich leerenden Städten kommt die Angst dazu von der «ethnischen Verdrängung» durch die Einwanderung.

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