Deutschland
«Warum können wir die Reisen nicht verbieten?» Angela Merkel gibt einen tiefen Einblick in ihr Staatsverständnis

Die deutsche Kanzlerin drängt seit Beginn der Pandemie auf harte Coronamassnahmen. Immer wieder mahnt und warnt sie. In einer vertraulichen Sitzung hat sie nun durchblicken lassen, wie weit sie zu gehen bereit ist.

Fabian Hock
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«Uns ist das Ding entglitten»: Kanzlerin Angela Merkel will noch härtere Coronamassnahmen.

«Uns ist das Ding entglitten»: Kanzlerin Angela Merkel will noch härtere Coronamassnahmen.

Michael Kappeler / dpa

Wenn sich Angela Merkel mit wichtigen Köpfen ihrer Partei über Corona austauscht, dann sitzt die «Bild»-Zeitung praktisch mit am Tisch. In Echtzeit veröffentlicht Deutschlands grösste Zeitung teilweise Interna aus den Sitzungen. Dieses Mal leicht verzögert, dafür mit einer besonderen Brisanz.

Am Sonntagabend besprach sich Merkel per Videokonferenz mit den Fraktionschefs der Union aus den Bundesländern und dem Bund. Thema: Die Eindämmung der Coronapandemie.

Laut «Bild» liess Merkel dabei keinen Zweifel aufkommen, für wie gefährlich sie die Situation derzeit hält. «Uns ist das Ding entglitten», soll Merkel wörtlich gesagt haben. Besonders zu schaffen machen ihr die Mutationen: «Wir leben durch die Mutationen auf einem Pulverfass.» Und weiter: «Das ist alles furchtbar. Man nennt es Naturkatastrophe.»

Kanzlerin für noch schärfere Massnahmen

Wie dieser Naturkatastrophe beizukommen sei, führte sie ebenfalls aus: «Wir müssen noch strenger werden, sonst sind wir in 14 Tagen wieder da, wo wir waren.» Noch strenger also. Dabei darf man in Deutschland bereits jetzt nur eine Person ausserhalb des eigenen Hausstands treffen, Restaurants sind längst geschlossen und öffnen frühestens am 14. Februar. Von offenen Skipisten können die Deutschen allenfalls träumen.

Doch Merkel schweben noch weitergehende Eingriffe in die Bewegungsfreiheit der Bürger vor: «Was ist mit Deutschen, die reisen? Hundertmal habe ich die Frage in den Runden gestellt: Warum können wir die Reisen nicht verbieten? Dann bekomme ich immer die auf ehemalige DDR-Bürger gemünzte Antwort, dass wir ein freies Land sind. Man kann zwar 15 Kilometer Sperrzone einführen, aber es ist schwer, Reisen in die Welt zu verbieten.» Über Weihnachten etwa seien «jeden Tag 50'000 auf die Kanaren und die Malediven geflogen».

«Wir brauchen ein härteres Grenzregime»

Merkels Idee: Reisen unattraktiver machen. Etwa mit Quarantänepflichten und der Ausdünnung des Flugverkehrs. Letzteres habe sie auch dem Innenminister Horst Seehofer zu erklären versucht. Bei den Flügen allein soll es nach dem Wunsch der Kanzlerin allerdings nicht bleiben: «Wir brauchen ein härtes Grenzregime», so Merkel. Gut möglich also, dass auch für Einreisen aus der Schweiz bald noch schärfere Regeln gelten.

Hoffnung setzt Merkel derweil auf die Impfungen. Doch hier wird das Debakel immer grösser: Zuletzt schockierte der Hersteller Astrazenica mit der Meldung, deutlich weniger Impfstoff nach Europa liefern zu können als ursprünglich geplant.

Die EU-Kommission unter der Führung der Merkel-Vertrauten Ursula von der Leyen nimmt das prompt zum Anlass, die Schuld für den mangelhaften Impfstart den Herstellern zuzuschieben. Diese müssten «jetzt liefern», heisst es aus Brüssel. Von Selbstkritik hinsichtlich der viel zu späten und viel zu kleindimensionierten Bestellungen im Sommer fehlt weiterhin jede Spur.