IAEA
Warum die IAEA so zögerlich informiert

Die IAEA zitiert knapp, was die grossen TV-Sender ausführlich und live aus Tokio übertragen – nur exakt sieben Stunden und fünf Minuten später. Warum die IAEA diese seltsame Informationspolitik betreibt.

Norbert Mappes-Niediek, Graz
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Keystone

«Gestützt auf eine Presseerklärung vom 17. März um 4 Uhr, kann die IAEA bestätigen, dass das japanische Militär von Helikoptern aus Wasser auf den Reaktorblock 3 geworfen hat.» So liest sich, was die Internationale Atomenergiebehörde der Weltöffentlichkeit aus Fukushima zu berichten hat. Die IAEA zitiert knapp, was die grossen TV-Sender ausführlich und live aus Tokio übertragen – nur exakt sieben Stunden und fünf Minuten später.

Dass die IAEA veraltete japanische Pressemeldungen zitiert, ist dabei schon ein Fortschritt. Berichte über Störfälle und die Massnahmen dagegen erreichen die Wiener Behörde normalerweise auf einem standardisierten Formblatt. Auf dem Formular kann die betroffene Regierung ankreuzen, ob die Zentrale in Wien die Nachricht weiter verbreiten darf oder geheim halten muss. Die IAEA «weiss» offiziell immer nur, was ihr die Regierung eines Mitgliedsstaates förmlich mitgeteilt hat. Entsprechend klingt IAEA-Generalsekretär Yukiya Amano auf seinen täglichen Pressekonferenzen kaum anders als der Parteisekretär von Kiew nach der Katastrophe von Tschernobyl vor
25 Jahren.

Am Tag nach dem Tsunami hatte Amano zunächst eine ebenso nichtssagende wie beschwichtigende Video-Botschaft ausgesendet: Die japanischen Behörden täten «alles, um die Sicherheit zu gewährleisten», erklärte der japanische Diplomat im Stil einer Märchenstunde. Ein Notfallzentrum verarbeite «rund um die Uhr» Informationen. Welche, verriet Amano nicht. Am Montag stiegen ihm die in Wien versammelten IAEA-Botschafter aufs Dach. Seither hält Amano täglich zwei Briefings: eines am Vormittag für die Regierungsvertreter, eines am Nachmittag für die Presse. Tags drauf dann konnte, wer genau zuhörte, bei Amano erstmals Kritik erahnen: Von dem Feuer, das am Morgen ausgebrochen war, habe die japanische Regierung den Grund nicht mitgeteilt. Die Information vom Schauplatz der Katastrophe könne «noch besser» werden. Am Mittwoch schliesslich flog der Generalsekretär überraschend nach Japan.

Formell dient die IAEA bei Reaktorunfällen als Drehscheibe für Informationen. Sie soll vor allem Nachbarstaaten darüber informieren, welche Gefahren ihrer Bevölkerung drohen. Beobachter bezweifeln jedoch, dass Amano sich wirklich so hilf- und ahnungslos präsentieren muss, wie er es tut. «Er könnte ja wenigstens Fragen stellen und öffentlich bessere Auskünfte einfordern», so ein westlicher Diplomat in Wien.

Tatsächlich hat das Unglück von Fukushima den Generalsekretär auf dem falschen Fuss erwischt. Nach dem energischen Ägypter Mohamed El Baradei, der sich oft den Wünschen der USA unter George W. Bush widersetzt hatte, hatten die Amerikaner einen farblosen Verwalter gesucht. Erst nach monatelangem Tauziehen setzten die USA und der Westen den Japaner gegen den südafrikanischen Kandidaten Abdul Samad Minty durch.

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