Trauriges Jubiläum
Vor 20 Jahren nahmen die Balkankriege ihren Anfang

Vor 20 Jahren begann der zehntägige Slowenien-Krieg – der Anfang der Balkankriege. Der Krieg in Slowenien dauert nur zehn Tage und fordert 74 Menschenleben. Aber er löst eine Kettenreaktion aus.

Norbert Mappes-Niediek, Graz
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So sieht der Schlächter von Srebrenica heute aus
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Ratko Mladic 1995 und heute
So sieht der Schlächter von Srebrenica heute aus
Ratko Mladic wird ins Gerichtsgebäude von Belgrad geführt
Bosiljka Mladic, die Ehefrau
Das Haus von dem serbische Medien sagen, Mladic sei hier in Lazarevo gefunden worden
Bosiljka Mladic(mitte), die Frau von Ratko Mladic mit Sohn Darko (rechts) und dem Familienanwalt
Mladic-Anhänger demonstrieren in Zrenjanin
Poster von Mladic in Banja Luka
Ratko Mladic (Bild von 1995) befehligte das Srebrenica-Massaker
1995 Seite an Seite mit Radovan Karadzic (links)

So sieht der Schlächter von Srebrenica heute aus

Keystone

«Heute ist es erlaubt zu träumen», ruft Sloweniens Präsident Milan Kucan einer jubelnden Menschenmenge in Ljubljana zu und fügt wehmütig an: «Morgen ist wieder ein anderer Tag.» Am anderen Tag, dem 27. Juni 1991, besetzen Truppen der jugoslawischen Volksarmee die Grenzen Sloweniens mit Österreich, Italien und Ungarn sowie den Flughafen der Hauptstadt. «Krieg in Europa» – die Parole schreckt den ganzen Kontinent auf.

Der Krieg in Slowenien dauert nur zehn Tage und fordert 74 Menschenleben. Aber er löst eine Kettenreaktion aus: Noch während slowenische Truppen die Panzer der jugoslawischen Armee vertreiben, brechen auch in Kroatien Kämpfe aus. Sie dauern zunächst bis zum Jahresende und kosten um 10000 Menschen das Leben.

Als sich im April 1992 auch Bosnien-Herzegowina von Jugoslawien löst, beginnt ein jahrelanger, brutaler Krieg. 100000 Menschen sterben, bis zu zwei Millionen müssen flüchten. Mit dem Friedensabkommen von Dayton Ende 1995 ist das Zeitalter der Jugoslawien-Kriege aber nicht vorbei. Ein serbisch-albanischer Bürgerkrieg, der 1998 ausbricht, endet im Jahr darauf mit einer Intervention der Nato.

Nationalisten siegen überall

Nach dem Tod des populären Diktators Tito 1980 waren die Spannungen zwischen den jugoslawischen Nationen ständig gewachsen. Slobodan Milosevic, seit 1986 Chef der serbischen Kommunisten, machte im grössten Bundesland den bis dahin verpönten Nationalismus salonfähig. Im Januar 1990 zerfiel der Bund der Kommunisten Jugoslawiens in seine föderalen Bestandteile. Freie Mehrparteienwahlen, lange gefordert, fanden nur in den Republiken, nicht im Gesamtstaat statt. Überall siegten nationalistische Parteien – ob kommunistisch oder antikommunistisch.

Am 23. Dezember 1990 setzt Slowenien, die westlichste und reichste Republik, ein wichtiges Faktum: In einer Volksabstimmung sprechen sich 88,5 Prozent für die Unabhängigkeit aus. In einem halben Jahr soll der Schritt vollzogen sein. Kroatien hängt sich an: Am 19. Mai stimmen über 93 Prozent für die Unabhängigkeit. Die Serben aber, die 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stimmen nicht mit. Noch einmal fünf Wochen später, am 25. Juni 1991, erklären beide Republiken synchron ihre Unabhängigkeit.

Im Westen sind der drohende Zerfall Jugoslawiens und erst recht die Kriegsgefahr bis dahin nicht richtig ernst genommen worden. Auf die ersten Schüsse folgt das Erwachen. Die Europäische Gemeinschaft fühlt sich erstmals zur Krisenlösung berufen. Die Aussenminister der «Troika» erreichen, dass Slowenen und Kroaten die Unabhängigkeit noch einmal für drei Monate aussetzen. Der Krieg in Kroatien geht unterdessen weiter: Die jugoslawische Volksarmee schafft zwischen den serbischen Siedlungsgebieten und dem Rest Kroatiens einen Kordon. Nicht um den Erhalt Jugoslawiens geht es in dem Krieg, sondern um die Verteilung der Konkursmasse. Als erstes EG-Land schwenkt Deutschland um und tritt für die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens ein.

Deutschland prescht vor

Beim Maastricht-Gipfel Ende 1991 schwenken die anderen EG-Mitglieder teils zähneknirschend auf die deutsche Position ein. Eine Kommission stellt fest, Jugoslawien sei «in seine Bestandteile zerfallen». Für Februar 1992 beschliessen die EG-Staaten die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens. Deutschland nimmt den Schritt schon am 15. Dezember 1991 vorweg.

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