Ukraine
Vom Teufelskreis der Korruption und der Hoffnung auf Besserung

Drei Tage lang war «Nordwestschweiz»-Reporter Fabian Hägler diese Woche in der Ukraine unterwegs und hat sich ein Bild von der Situation der Menschen im Land gemacht. Jetzt zieht er Bilanz.

Fabian Hägler, Kiew
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Yaroslaw, ein junger Musikstudent am Kiewer Konservatorium, spielt zu Ehren der Opfer auf dem Maidan
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Wir sind gegen den Polizeistaat steht auf dem Transparent über dem Eingang zur Stadtverwaltung, die jetzt als Küche und Kantine genutzt wird
Auf der Maidan-Bühne verkündet ein Aktivist die Forderung, das Parlament müsse einen Oppositionellen als Ministerpräsident aufstellen
Hier werden neue Aktivisten für den Einsatz auf dem Maidan rekrutiert
Wenn man oben bei der Station Chreschatik aus der U-Bahn kommt, trifft man auf Barrikaden und viele Kerzen und Blumen - hier wurden mehrere Aktivisten erschossen
An vielen Autos in Kiew ist dieser Kleber zu sehen.
Im Gebäude der Kiewer Stadtverwaltung verteilen diese Frauen gratis Polenta.
Der Sensemann auf dem Schützenpanzer verkündet den Tod der kommunistischen Partei der Ukraine
«Nordwestschweiz»-Reporter Fabian Hägler auf dem Maidan
Christina Lohvynenko
«Nordwestschweiz»-Reporter Fabian Hägler in der Ukraine

Yaroslaw, ein junger Musikstudent am Kiewer Konservatorium, spielt zu Ehren der Opfer auf dem Maidan

Fabian Hägler

Die Ukraine steht im Korruptions-Index von Transparency International derzeit auf Rang 144 von 177. Was das konkret bedeutet, habe ich selber mehrfach erlebt.

Als ich im Jahr 2011 mit einem Mietwagen angeblich ein paar Kilometer zu schnell unterwegs war, hielt mich die Strassenpolizei an – natürlich ohne Radarmessung, nur aufgrund ihrer Einschätzung.

Ich fragte meinen Übersetzer, wie hoch die Busse wohl ausfallen und ob ich einen Strafzettel bekommen würde. Er meinte nur: «Lass mich reden, ich regle das, wenn Du als Ausländer mit der Polizei sprichst, wird es viel teurer.»

20 Franken, dann ist die Sache erledigt

Nach ein paar Minuten kam er zurück und sagte: «Gib mir 200 Grivna, dann ist die Sache erledigt.» Ich wollte wissen, ob das die Busse für die Geschwindigkeitsübertretung sei. Er antwortete: «Ich habe mich mit dem Polizisten auf diesen Betrag geeinigt, wenn wir nicht zahlen, lässt er uns nicht weiterfahren.»

Natürlich gab ich ihm die 200 Grivna (etwa 20 Franken), der Polizist steckte das Geld ohne Quittung lächelnd ein und wünschte eine gute Weiterfahrt.

In Erinnerung geblieben ist mir auch eine Szene am Flughafen von Charkiw: Bei der Sicherheitskontrolle hatte der Mann vor mir einen 50-Euro-Schein in seinen Pass gelegt.

Der Grenzwächter in der Kabine nahm den Pass, liess ihn kurz unter dem Tisch verschwinden – und weg war die Note. Als ich an der Reihe war, fragte mich der Mann ganz freundlich, ob ich ihm nicht helfen könne, sein Sohn sei krank.

Ich schaute ihn verständnislos an, worauf er mich zur Seite nahm, sehr ausgiebig mein Handgepäck durchsuchte und mir schliesslich zu verstehen gab, dass schon 20 Schweizer Franken helfen würden, die Prozedur zu beschleunigen.

Wer nun denkt, das passiere nur Ausländern, liegt falsch. «Es gibt überall Korruption in unserem Land, im Kleinen und im Grossen», sagt Christina Lohvynenko, die mich die letzten drei Tage als Übersetzerin begleitet hat.

Die 28-jährige Frau stammt aus Lebedyn, einer Kleinstadt im Norden der Ukraine, lebt heute bei ihrem Freund in Österreich und macht ein Wirtschaftsstudium.

Ich lernte sie 2007 kennen, als ich für die «Nordwestschweiz» einen Hilfskonvoi des Vereins Help-Point Sumy aus dem aargauischen Wohlen in die Ukraine begleitete.

Lehrer verlangen Geld: Test bestanden

«Schon in der Schule gab es Lehrer, die von jedem Schüler 100 Grivna verlangt haben, dann hatte man die Prüfung bestanden», erinnert sie sich.

Auch bei der Regionalverwaltung in Sumy, wo man Pässe, Geburtsurkunden, Heiratsbestätigungen und viele andere Dokumente beantragen muss, gibt es ein spezielles System. «Wenn man ein Dokument rasch braucht, kostet das zusätzlich», sagt Christina.

Die Mitarbeiter seien auf diese illegale Nebeneinkünfte angewiesen, erklärt sie. «Sie verdienen nur etwa 1500 Grivna im Monat und müssen dem Chef des Amtes noch 1000 davon abgeben, sonst verlieren sie ihre Stelle.»

Für westliche Ohren mag das unglaublich klingen, ebenso die Tatsache, dass Christina einen gültigen ukrainischen Fahrausweis hat, ohne dass sie die Fahrprüfung absolviert hätte.

«Als ich bei einer Baufirma als Sekretärin arbeitete, fand der Chef, ich brauche einen Führerschein – und weil eine Mitarbeiterin jemanden bei der Strassenpolizei kannte, hat die Firma den Ausweis einfach gekauft», erzählt sie.

«Ich glaube nicht, dass sich die Korruptions-Situation in unserem Land ändern wird», sagt Christina. Sie erklärt den Teufelskreis: Staatsangestellte wie Lehrer oder Polizisten verdienen im Monat rund 1200 Grivna (120 Franken). Das reicht auch in der Ukraine, wo Lebensmittel und Mieten relativ günstig sind, kaum zum Leben.

«Deshalb sind sie fast gezwungen, illegal Geld anzunehmen, um über die Runden zu kommen», so die Studentin.

Das grosse Problem: Dem Staat entgeht eine Menge Geld. So zahlen die Firmen ihre Abgaben und die Arbeitnehmer ihre Steuern nur auf dem gesetzlichen Mindestlohn. Das Geld, das sie «nebenbei verdienen», im Couvert erscheint nirgends.

Polizei weiss: Die Zeiten ändern sich

Jaroslaw Tiurmenko, der junge Ingenieur, der uns in Kiew vom Flughafen in die Stadt und am nächsten Tag wieder zurück gefahren hat, ist optimistischer als Christina.

«Früher haben sich die Polizisten wie kleine Könige benommen und wir Bürger waren ihrer Willkür ausgeliefert», sagt er. Jetzt, nach den Protesten auf dem Maidan und dem Regierungswechsel, verhalte sich die Polizei sehr korrekt. «Sie merken, dass sich die Zeiten geändert haben und die Menschen nicht bereit sind, alles zu akzeptieren», sagt Jaroslaw.

Im Zentrum von Kiew, wo es sonst von Polizei wimmelt, sind wir bei unserem Aufenthalt gar keinen Beamten begegnet. Dennoch habe ich mich sicher gefühlt auf dem Maidan – die Mitglieder der Selbstverteidigungsgruppen setzen ihre Regeln konsequent durch.

So gilt auf dem Maidan ein absolutes Alkoholverbot, das auch eingehalten wird. Der Abfall wird eingesammelt und entsorgt, in den U-Bahn-Stationen patrouillieren Aktivisten.

«Das ist ein Zeichen dafür, dass die Leute ihr Schicksal selber in die Hand nehmen», freut sich Jaroslaw.

Wer die Ukraine politisch in die Zukunft führen soll, weiss aber auch Jaroslaw nicht. «Ich warte darauf, dass die Aktivisten vom Maidan eine Partei gründen, es wäre sehr wichtig, dass diese Leute in der Regierung vertreten sind», meint er.

Wenn der Gashahn zugedreht wird

Noch wichtiger dürfte im Moment aber finanzielle Hilfe für die Ukraine sein. Als wir in Kiew auf den Rückflug in den Westen warten, macht mich Christina auf die Wechselkurse aufmerksam.

Tatsächlich ist die Grivna gegenüber dem Euro markant schwächer geworden, und als wir auf dem Weg zur Passkontrolle an der Wechselstube vorbeigehen, verschlechtert sich der Kurs auf der digitalen Anzeigetafel erneut.

«Vor ein paar Minuten hat mich eine Freundin angerufen, sie hat Angst um ihre Ersparnisse, weil man in der Stadt keine westliche Währung mehr bekommt», sagt Christina.

Es gibt Gerüchte, dass der abgesetzte Präsident Janukowitsch mit 650 Millionen Dollar in bar geflohen sei. Auch wenn dies nicht stimmen sollte, Tatsache ist: In der Staatskasse, die offensichtlich von der alten Regierung geplündert wurde, klafft ein riesiges Loch.

Die Auswirkungen könnten bald spürbar werden: Die Stadt Kiew und mehrere Regionen stehen beim ukrainischen Gasversorger Naftogas mit mehr als einer Milliarde Dollar in der Kreide.

Ungefähr dieselbe Summe schuldet Naftogas dem russischen Unternehmen Gazprom. Wenn nun die eine oder andere Firma der Ukraine den Gashahn zudreht, wird es kalt in den alten Plattenbauten, wo viele Menschen leben.

Wenn der Westen die Ukraine finanziell nicht unterstützt und der Staat seine Polizisten und Lehrer nicht bezahlen kann, dürften längerfristig eher Christinas Befürchtungen als Jaroslaws Hoffnungen wahr werden.

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