Amtsmissbrauch
Vize Dick Cheney missachtete die militärische Befehlskette

Zwar hatte die US-Luftwaffe am 11. September 2001 nicht den leisesten Hauch einer Chance, aktiv ins Geschehen einzugreifen. Dennoch ist die hypothetische Frage, was die Militärpiloten denn an dem Tag gemacht hätten, wenn sie in die Nähe der entführten Passagierjets gekommen wären, interessant.

Christian Nünlist
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Früherer Vize-Präsident Dick Cheney

Früherer Vize-Präsident Dick Cheney

Keystone

Denn offenbar gab der damalige amerikanische Vizepräsident Richard «Dick» Cheney an jenem schicksalhaften Morgen eigenmächtig den Befehl, bedrohliche oder als bedrohlich erscheinende zivile Flugzeuge abzuschiessen. Damit missbrauchte Cheney am 11. September 2001 klar seine Machtfülle, denn diesen Befehl hätte der Vizepräsident auf keinen Fall geben dürfen. Einzig und allein der US-Präsident als Oberkommandierender der Streitkräfte ist laut der Verfassung dazu befugt.

Cheney agiert als Schattenpräsident

Cheney war im Weissen Haus, als er kurz nach 9 Uhr von den in Flammen stehenden Zwillingstürmen in New York erfuhr. Um 9.32 Uhr entdeckten Fluglotsen des internationalen Flughafens in Washington ein unidentifiziertes Flugzeug, dass auf die Hauptstadt zuflog (AA 77) - und informierten unverzüglich den Secret Service. (Die Flugabwehr NEADS wurde zwei Minuten später gewarnt.)

Der Secret Service evakuierte daraufhin Cheney und andere hochrangige Regierungsmitglieder in den geheimen Kommandobunker unterhalb des Weissen Hauses. George W. Bushs Anti-Terror-Beauftragter Richard Clarke berichtete später, Cheney habe ihm um 9.36 Uhr den Abschussbefehl erteilt, offenbar nach telefonischer Rücksprache mit Präsident Bush. Zu diesem Zeitpunkt wurde Cheney auch zweimal von seinem Adjutanten gefragt, ob die Luftwaffe bedrohliche Flugzeuge abschiessen sollte oder nicht. Cheney sagte zweimal: «Schiesst sie ab!» Als Cheney kurz darauf mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld telefonierte, sagte er: «Ich gehe davon aus, dass sie bereits einige Flugzeuge heruntergeholt haben.» Rumsfeld war sichtlich konsterniert über die missachtete Befehlskette.

Präsident Bush und sein Vize Cheney hatten in dieser heissen Phase nachweislich Kommunikationsprobleme. Erst um 9.56 Uhr sprachen sie erstmals miteinander, kurz nachdem Bush mit der Präsidentenmaschine in Florida gestartet war, wo er eine Grundschule besucht hatte. In diesem ersten Telefonat ging es aber laut Augen- und Ohrenzeugen nur um Bushs rasche Rückkehr nach Washington. Cheney hatte den Abschussbefehl zu diesem Zeitpunkt längst gegeben.

Über die Problematik weiterer entführter Passagierflugzeuge sprachen Bush und Cheney erst um 10.18 Uhr bei einem zweiten Anruf. Die Flugabwehr hatte den Piloten der aufgestiegenen Abfangjäger noch kurz zuvor um 10.10 Uhr unmissverständlich befohlen: «Negative clearance to shoot» - ein Abschuss kam also unter keinen Umständen infrage. Um 10.31 Uhr erfuhr NEADS von Bushs Abschusserlaubnis - zu spät. Zu diesem Zeitpunkt war die letzte entführte Maschine bereits seit fast 30 Minuten in einem Feld in Pennsylvania zerschellt.

Cheney fordert Nationalgarde an

Ab 10.38 Uhr kreisten dafür - ohne Wissen der US-Luftwaffe - Abfangjäger der Nationalgarde über Washington, DC. Sie hatten die Ermächtigung erhalten, Flugzeuge abzuschiessen, die sich dem Weissen Haus gefährlich näherten. Die Maschinen angefordert hat laut einem Secret-Service-Agent kein Geringerer als - Dick Cheney. Erneut ignorierte der Vize die militärische Befehlskette.

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