Die anderen Grünen
Viel strammer als die deutschen Grünen: Frankreichs «Verts» regieren bereits in 38 Städten

Immer wieder sorgen die Öko-Bürgermeisterinnen und Stadtammänner in unserem Nachbarland mit radikalen Entscheidungen für Aufsehen.

Stefan Brändle, Poitiers
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Léonore Moncond’huy, 31, grüne Bürgermeisterin von Poitiers.

Léonore Moncond’huy, 31, grüne Bürgermeisterin von Poitiers.

Wikipedia

Madame la maire kommt natürlich mit dem Fahrrad zum Termin im Rathaus: Léonore Moncond’huy, 31, grüne Bürgermeisterin von Poitiers, einer von 38 Städten in Frankreich, die inzwischen von der Ökopartei regiert werden. Darunter sind auch Grossstädte wie Lyon, Bordeaux und Strassburg. In Paris und Marseille teilen sie sich mit der Linken in die Macht. Umso erstaunlicher ist das, weil die «Verts» in Frankreich im Vergleich zu anderen grünen Parteien Europas stramm linke Standpunkte vertreten. Pragmatismus ist für sie politischer Verrat.

Das gilt auch für Léonore Moncond’huy. Die ehemalige Jugendhelferin und Pfadfinderin sagt:

«Wenn wir die Gesellschaft nicht radikal umbauen, wird es die Klimaerwärmung an unserer Stelle tun.»

Ihr allererster Amtsentscheid war nicht ökologisch motiviert, sondern sozial: Die Stadt organisierte Gratis-Sommerferien für 1500 Kinder vor allem aus den Banlieue-Zonen. Dann erst bediente die Bürgermeisterin das grüne Credo: Das Stadtzentrum wird massiv bepflanzt, jeder verkehrspolitische Entscheid wird auf seine Fahrradtauglichkeit geprüft – und in den Schulkantinen soll es an zwei Wochentagen ausschliesslich vegetarische Kost geben. Zudem solle Poitiers nicht mehr wie 2020 die Tour de France empfangen, sondern deren weibliche Version, die 2022 starten soll. Auf Twitter leitet Moncond’huy den Slogan weiter: «Poitiers, feministische Stadt.»

Léonore Moncond’huy, 31, grüne Bürgermeisterin von Poitiers.

Léonore Moncond’huy, 31, grüne Bürgermeisterin von Poitiers.

Twitter

Landesweit sorgte Moncond’huy vor allem mit einem Satz für Aufregung: «Fliegen darf nicht länger ein Kindertraum sein.» Das sagte sie im Stadtrat, als dieser die kommunale Subvention für ortsansässige Aeroklubs kürzte. Die Opposition schimpfte, die Aussage zeuge von der menschenfeindlichen Ideologie «grüner Khmer».

Werden die Grünen bald auch Macron gefährlich?

Auch andere Bürgermeister der «écologistes» hatten sich zuvor in die Nesseln gesetzt. In Bordeaux erklärte Pierre Hurmic, er wolle an Weihnachten keinen «toten Baum» vor sein Rathaus stellen. In Lyon deklarierte Grégory Doucet, seine Stadt werde nicht mehr Etappenort sein für die Tour de France mit ihrer «verschmutzenden» Autokarawane im Schlepptau. In Strassburg wollte Jeanne Barseghin den Bau einer Erdogan-nahen Moschee subventionieren.

Yannick Jadot, der grüne Präsidentschaftskandidat, hätte gerne Macrons Job.

Yannick Jadot, der grüne Präsidentschaftskandidat, hätte gerne Macrons Job.

Der derzeitige Erfolg der Grünen im Nachbarland Deutschland ermutigt die «Verts» zusätzlich, ihren Kurs konsequent zu verfolgen. Bei den französischen Präsidentschaftswahlen in knapp einem Jahr rechnen sie sich erstmals reale Wahlchancen aus. Mit Yannick Jadot haben die Grünen jedenfalls schon mal einen pragmatischen, medienversierten Kandidaten, der über seine Partei hinausdenkt.

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