Ukraine
Verehrt und gefürchtet: "Motorola" kämpfte bis zu seinem Tod für die "Volksrepublik Donezk"

Der prorussische Separatistenführer war wegen seiner Brutalität gefürchtet. Er erlag den Verletzungen durch einen Bombenanschlag in seinem Fahrstuhl.

Paul Flückiger, Warschau
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Für die einen ein Kriegsheld, für die anderen ein Kriegsverbrecher: Arsenij Pawlow alias «Motorola» bei seiner Hochzeit mit Jelena Kolenkina im Juli 2014. MAXIM ZMEYEV/Reuters

Für die einen ein Kriegsheld, für die anderen ein Kriegsverbrecher: Arsenij Pawlow alias «Motorola» bei seiner Hochzeit mit Jelena Kolenkina im Juli 2014. MAXIM ZMEYEV/Reuters

REUTERS

Der Rotbart mit den wilden Augen war eine Legende. Die prorussischen Separatisten der selbst ernannten «Volksrepublik Donesk» druckten für den Kriegshelden Arsenij Pawlow, genannt Motorola, gar eine Briefmarke, der russische Staatspräsident Putin zeichnete ihn mit einer Ehrenmedaille aus. In Kiew wiederum galt er als Kriegsverbrecher, dessen Brutalität das Blut in den Adern der Regierungssoldaten gefrieren liess. Mindestens 15 ukrainische Kriegsgefangene soll «Motorola» eigenhändig erschossen haben. Am späten Sonntagabend erlag er den Verletzungen eines Bombenanschlags im Fahrstuhl seines Donetzker Domizils.

Dorthin hatte sich der Leutnant der selbst ernannten «Armee von Neurussland» vor ein paar Monaten zurückgezogen. Im nahen Spital liess er ein Bombentrauma behandeln, in lokalen Schulen sprach er über den Freiheitskampf der von keinem Staat in der Welt anerkannten – wohl aber von Moskau tatkräftig mit Kriegsmaterial und neuen Kämpfern unterstützten – «Volksrepublik Donezk». Daneben half er seiner jungen Ehefrau bei der Erziehung der ersten gemeinsamen Tochter. Ihr sollten nach dem Krieg noch sechs Buben folgen, diesen Lebenstraum hatte «Motorola» vor Jahresfrist im Interview einer jungen georgischen Journalistin verraten.

Bei Putin Marines gedient

Wie viele Separatistenführer tauchte «Motorola» im Frühjahr 2014 zwar aus dem Nichts im Donbass auf, allerdings ausgestattet mit einem russischen Pass und russischer Armeeerfahrung. Zwischen drei und vier Jahre lang will der 1983 (oder 1982) in Uchta, der Hauptstadt der autonomen Russischen Republik Komi, bei Putins Marines gedient haben. Im Zweiten Tschetschenienkrieg (1999–2009) war der russische Staatsbürger bei den Übermittlungstruppen, hantierte dort mit Motorola-Handys, was ihm seinen Nom de Guerre einbrachte.

Nach Donbass will «Motorola» mit dem Zug gefahren sein. Er habe es nicht hinnehmen wollen, dass die dortigen Russen von den ukrainischen Faschisten ausgerottet würden, erklärte er dem «Georgian Journal». Der rotbärtige Krieger war vermutlich zuerst auf der Krim – das russische Staatsfernsehen «Rossija 1» zeigte ihn mit der entsprechenden von Putin verliehenen Ehrenmedaille – tauchte Mitte März bei den gewalttätigen prorussischen Demonstrationen in Charkiw auf und kämpfte ab Juni in Slowajansk (Donbas) an der Seite des Russen Igor Girkin, «Strelkow».

Dort heiratete er mitten in den Kämpfen gegen die ukrainischen Regierungstruppen die Lokalschönheit Jelena Kolenkina. Fotos von der ersten Vorzeigehochzeit der frisch gegründeten «Volksrepublik Donezk» zeigen «Motorola» mit lädiertem Arm im Tarnanzug neben seiner weiss gekleideten Braut. Presseberichte, wonach er bereits in Russland eine Ehefrau haben soll, lassen sich genauso wenig bestätigen wie das Gerücht, er habe zuvor in der südrussischen Millionenstadt Rostov am Don stark angetrunken ein Auto geklaut und sei von der russischen Justiz vor die Wahl gestellt worden, ins Gefängnis oder nach Donbass zu gehen.

Urheberschaft noch unbekannt

Wer hinter dem Bombenanschlag in seinem Fahrstuhl steht, war am Montag noch unklar. Der Donezker Separatistenführer Alexander Sachartschenko beschuldigte Kiewer Diversanten der Tat. «Das ist eine Kriegserklärung gegen die Volksrepublik Donezk», drohte er in der Nacht zum Montag und befahl den Artilleriebeschuss an allen Frontabschnitten. Bis Montagabend beklagte ein Armeesprecher in Kiew einen getöteten und sieben verletzte Regierungssoldaten. Die von Deutschland und Frankreich vor Monatsfrist erwirkte Waffenruhe ist damit wohl passé.

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