Interview
Venezuelas renommierte Pianistin Gabriela Montero über ihre Heimat: «Wir brauchen einen Neustart»

Pianistin und Komponistin Gabriela Montero spricht über den sozialistischen Machthaber Nicolás Maduro und die neue Hoffnung namens Juan Guaidó.

Deborah Gonzalez
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Die Proteste gegen Nicolás Maduro weiten sich aus und finden wie hier in Santiago de Chile auch in anderen Ländern statt. Bild: Alberto Valdes/EPA (2. Februar 2019)

Die Proteste gegen Nicolás Maduro weiten sich aus und finden wie hier in Santiago de Chile auch in anderen Ländern statt. Bild: Alberto Valdes/EPA (2. Februar 2019)

Pianistin Gabriela Montero (Clemens Bilan/Getty)

Pianistin Gabriela Montero (Clemens Bilan/Getty)

Sichtlich angespannt kommt Gabriela Montero aus der Generalprobe. Sie habe noch nichts gegessen und stehe unter enormem Zeitdruck. Für zwei Konzerte mit dem Sinfonieorchester Basel ist die gebürtige Venezolanerin in die Schweiz gekommen. Montero ist politisch engagiert, nimmt an Demonstrationen gegen Präsident Nicolás Maduro teil. Bereits vor acht Jahren hat die Pianistin ein Stück geschrieben, das «Ex-Patria» – «frühere Heimat» heisst. Ihre Kompositionen seien «ein Weg, die Geschichte von Exil, Hunger, Tod, Mord und zerstörten Familien zu erzählen». Im Theater Basel spricht die 48-Jährige mit unserer Zeitung über die Lage in ihrer Heimat.

Gabriela Montero, wie ist es für Sie, die Bilder der Demonstrationen in Venezuela zu sehen?

Es schmerzt sehr. Seit 20 Jahren sehe ich, wie der Chavismus mein Land zerstört. Am schlimmsten ist es, mitanzusehen, wie internationale linke Politiker hinter einer Idee stehen, die nicht existiert. Venezuela hat keine Regierung, sondern eine Drogen-Mafia, eine Drogen-Diktatur – das gibt es in keinem anderen Land auf der Welt.

Venezuela steckt seit vielen Jahren in einer tiefen Krise. Wieso interessiert sich die Welt ausgerechnet jetzt dafür?

Weil die Lügen entlarvt sind. Die Krise ist nicht wegen der tiefen Ölpreise entstanden, sondern wegen des Chavismus’. Als Hugo Chavez Präsident wurde, stieg der Ölpreis und mit dem Gewinn kaufte er sich Allianzen und Anerkennung. Als der Preis fiel, wurde klar, in was das Geld nicht investiert wurde: in unser Land. Dabei ging es nicht um Venezuela, sondern um Macht. Die Welt sieht endlich, dass unser Land von einer Drogen-Tyrannei geführt wird.

Sie stellen sich öffentlich gegen Maduro. Warum kritisieren Sie ihn?

Ich kritisiere Maduro, aber auch Chavez. Sie haben unserem Land das grösste Leid zugefügt. Wir selbst können noch gar nicht fassen, wie schlimm es wirklich ist. Nur langsam wird deutlich, was passiert ist und welche Konsequenzen das Ganze hat – nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem moralisch. Chavez und Maduro übernahmen das reichste Land in Lateinamerika und jetzt ist es das Ärmste von allen.

Was meinen Sie mit moralischen Konsequenzen?

Fünf Millionen Menschen sind im Exil, weil Maduro und Chavez Dinge versprochen haben, die sie nicht gehalten haben. Die Armen sind noch ärmer und die ehemalige Mittelschicht ist jetzt arm. Viele können sich kein Essen mehr leisten und wenn sie es können, gibt es nichts zu kaufen.

Wieso stehen immer noch so viele Menschen hinter Maduro?

Das ist nicht mehr so. Er hat nur noch sehr wenige Anhänger. Und die, die hinter ihm stehen, sind entweder gekauft oder von der Angst geplagt. Am 23. Januar waren Millionen Menschen auf den Strassen und feierten Guaidó. Für Maduro waren es sehr, sehr wenige – und die wurden wahrscheinlich dazu gezwungen.

Dass Maduro noch Anhänger haben soll, ist eine Lüge der Regierung, der Medien und von Maduro selbst.

Immer mehr Länder stellen sich hinter Juan Guaidó. Was halten Sie davon?

Das ist sehr wichtig, denn wir, die Opposition, haben weder Waffen noch das Militär, um Maduro zu bekämpfen. Er hat zu viele Leute gekauft. Seit Jahren bitten wir um Hilfe, darum ist es elementar, dass unsere Alliierten verstehen, dass wir sie brauchen. Ohne deren Hilfe ist es schwierig, gegen Maduros Mafia anzukommen.

Während die USA und andere Länder Guaidó als Präsident anerkennen, distanziert sich die Schweiz von dem Konflikt. Denken Sie, dass die Schweiz Partei ergreifen sollte?

Alle Länder sollten verstehen, dass die Situation nicht nur für Venezuela oder Lateinamerika gefährlich ist, sondern für alle. Vergleichen Sie mal die Länder, die hinter Maduro stehen – China, Kuba, Russland – mit denen, die hinter uns stehen. Maduro hat terroristische Allianzen. Wir wollen eine Demokratie, weil unser Land am Sterben ist.

Guaidó verspricht Demokratie. Was halten Sie von ihm?

Wir stehen hinter ihm, 100 Prozent. Was wir brauchen, ist ein Weg raus aus der Maduro-Ära und der Korruption. Wir brauchen einen Neustart mit jemandem, der für Demokratie steht.

Die meisten Venezolaner scheinen das ähnlich zu sehen: 80 Prozent wollen Neuwahlen.

Viele der Menschen, die hinter Maduro standen, taten es aus der Not heraus. Aber auch solche Leute sind irgendwann an einem Punkt, an dem nicht mal mehr die Angst ausreicht. Und genau dieser Moment ist jetzt.

Gibt es noch eine Chance auf ein friedliches Ende des Konflikts?

Die letzten 20 Jahre waren alles andere als friedlich. Es sind sehr viele Menschen gestorben. Die Gewalt, die Venezuela widerfahren ist, wird unsere Geschichte für immer prägen. Bis wir eine Demokratie haben, wird es sicher wieder Gewalt geben, aber das ist der einzige Weg, den wir gehen können – es gibt keine Alternative.

Können Sie sich vorstellen, nach Venezuela zurückzugehen?

Ich möchte bald wieder in mein Land. Dann werde ich ein Gratiskonzert geben. Aber leider ist es sehr gefährlich, nach Venezuela zu reisen. Ich kenne viele, die gegangen sind, weil sie dachten, es sei sicher. Als sie dort waren, mussten sie in gepanzerten Autos fahren und mit Personenschützern auf die Strasse. So läuft das schon seit vielen Jahren. Und das muss enden.

Zur Person: Gabriela Montero wurde 1970 in Caracas geboren. Bereits als Achtjährige gab sie ihr Konzert-Début und studierte später in den USA. Heute lebt die Mutter zweier Töchter in Barcelona.

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