USA und Grossbritannien
Die «relation» soll wieder «special» werden: Johnson und Biden plaudern über China – und ihre Ehefrauen

Joe Biden und Boris Johnson bekräftigen in Carbis Bay ihre Front gegen China – und sind sich mindestens in einer Sache total einig.

Sebastian Borger, London
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Jill und Joe Biden trafen sich gestern mit Boris und Carrie Johnson in Carbis Bay.

Jill und Joe Biden trafen sich gestern mit Boris und Carrie Johnson in Carbis Bay.

Bild: Hollie Adams/Getty

Sie schauten gemeinsam aufs Meer vor Carbis Bay im äussersten Südwesten Englands, dann gingen Joe Biden und Boris Johnson mit ihren Gattinnen vorbei an der wartenden Journalisten-Traube hinein ins geheizte Konferenzgebäude. Ein kurzer Schwatz vor den Kameras («Ich habe dem Premierminister gesagt, wir hätten etwas gemeinsam: Wir heirateten beide Frauen, die wir nicht verdient haben», scherzte der US-Präsident. «Dem will ich nicht widersprechen», antwortete der britische Regierungschef), dann zogen sich die beiden mächtigen Herren zur bilateralen Beratung zurück. Ziel der allerersten Auslandreise des neuen US-Präsidenten: die Stärkung der transatlantischen Beziehungen.

Dass die Reise Joe Biden ausgerechnet nach England führte, ist kein Zufall. Die beiden Länder pflegten seit ihrem Friedensschluss nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine «very special relationship». Gestärkt wurde die «ganz spezielle Beziehung» durch unzählige Deals und Verträge.

Britisch Kriegsschiffe kreuzten vor der englischen Küste.

Britisch Kriegsschiffe kreuzten vor der englischen Küste.

Foto: AP

Im August 1941 etwa war ein Schlachtschiff Schauplatz eines streng geheimen Treffens. An Bord der HMS Prince of Wales unterzeichneten der britische Premierminister und der US-Präsident vor der Küste Neufundlands die sogenannte «Atlantik-Charta» – ein Dokument, das zur Grundlage der Vereinten Nationen wurde. In der «Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Welt» betonten Winston Churchill und Franklin Roosevelt mitten im Zweiten Weltkrieg demokratische Werte und internationale Normen wie Gewaltverzicht, Unantastbarkeit staatlicher Grenzen und Freihandel.

Johnson muss hässliche Kröte schlucken

Am Donnerstag wollten Premier Johnson und US-Präsident Biden bei ihrem Treffen lieber festen Boden unter den Füssen haben. Immerhin gab der neue Flugzeugträger HMS Prince of Wales vor der Küste Cornwalls einen attraktiven Hintergrund für die Fernsehbilder ab.

Knapp 80 Jahre nach dem historischen Vorbild setzte das derzeit regierende anglo-amerikanische Duo seine Unterschriften unter ein Dokument: Die neue Atlantik-Charta warnt vor modernen Herausforderungen wie Klimawandel, Cyber-Krieg und Pandemien und wirbt für die offene, demokratische Gesellschaft.

Der Text der Atlantik-Charta 2.0 erwähnt China zwar mit keinem Wort, richtet sich aber eindeutig gegen den zunehmend aggressiv auftretenden Giganten in Fernost und die von Peking ausgehende Bedrohung für die demokratische Welt.

US-Präsident Joe Biden und der britische Premier Boris Johnson hatten viel zu bereden.

US-Präsident Joe Biden und der britische Premier Boris Johnson hatten viel zu bereden.

Foto: EPA

Für den diplomatischen Coup des ersten Termins mit dem Anführer der westlichen Welt musste der Premier allerdings eine hässliche Kröte schlucken. Vor seiner Ankunft auf britischem Boden liess Biden die Briten wissen, er erwarte rasches Einlenken – sozusagen eine pragmatische Lösung – bei der heftig umstrittenen Anwendung des sogenannten Nordirland-Protokolls. Der Präsident tat dies, unter engen Verbündeten äusserst unüblich, in Form einer diplomatischen Protestnote: Die Regierung des Königreichs müsse dringend ihre «zunehmend hitzige Rhetorik» abkühlen, da sie sonst Gefahr laufe, den Friedensprozess in der einstigen Bürgerkriegsregion zu gefährden. Der irisch-stämmige Katholik Biden beobachtet die zunehmende politische Gewalt auf der grünen Insel mit grosser Sorge.

Biden will Trump vergessen machen

Der Amerikaner knüpfte mit seiner Warnung an öffentliche Äusserungen aus dem Wahlkampf t an. Wer den Frieden in Nordirland gefährde, dürfe nicht mit einem Handelsabkommen rechnen, hatte er den Briten damals eisig mitgeteilt. Den Brexit, den Johnson am liebsten gar nicht mehr erwähnen möchte, hält der Präsident für ein «geostrategisches Desaster».

Dass der Konflikt über das Nordirland-Protokoll zuletzt so hochkochte, überschattet nicht nur die bilateralen Beziehungen zwischen Amerika und Grossbritannien, sondern auch den G7-Gipfel. Dort will EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Briten die gleiche klare Botschaft vermitteln wie der US-Präsident.

Das bilaterale Zusammentreffen stellte für beide Teilnehmer eine wichtige diplomatische Etappe vor dem G7-Gipfel dar, zu dem sich die Staats- und Regierungschefs der führenden westlichen Industrienationen an diesem Wochenende in Carbis Bay treffen. Biden will Amerikas Rückkehr auf die weltpolitische Bühne als verlässlicher Partner nach den Berserkerjahren seines Vorgängers Donald Trump demonstrieren, Johnson möchte sein Brexit-Land als weltoffen und pragmatisch präsentieren.

Dem Ort, wo am Donnerstag die Atlantik-Charta 2.0 unterzeichnet wurde, muss man eine bessere Zukunft wünschen als dem Schlachtschiff von 1941. Schon vier Monate nach dem feierlichen Treffen der Kriegsherren lag der Stolz der Royal Navy nämlich auf dem Boden des Ozeans, versenkt von japanischen Flugzeugen vor Singapur.