Unwetter
Deutschland rafft sich auf – doch welche Auswirkungen hat die Katastrophe auf den Wahlkampf?

Mehr als 100 Tote, mehr als tausend Vermisste: Die Hochwasserkatastrophe hat im Westen der Republik tragische Spuren hinterlassen. Wird sie auch den anstehenden Wahlkampf ums Kanzleramt verändern?

Cornelie Barthelme
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Szenen wie im Krieg: Die Ortschaft Schuld wurde besonders hart getroffen. Die Strasse gleicht einem Schutthaufen.

Szenen wie im Krieg: Die Ortschaft Schuld wurde besonders hart getroffen. Die Strasse gleicht einem Schutthaufen.

Sascha Steinbach / EPA

Der Schrecken endet nicht. Tag zwei der grossen Fluten beginnt für Deutschland mit tragischen Zahlen. Mindestens 43 Tote in Nordrhein-Westfalen. Mindestens 63 in Rheinland-Pfalz. Mindestens 106 Tote im ganzen Land. Und mehr als tausend Menschen werden noch immer vermisst. Tendenz? Steigend, genau wie das Wasser im Westen der Republik.

Die Fluten verschlingen ganze Dörfer, zerstören Quartiere und Familien. Verzweifelte Hilferufe ertönen aus den gefluteten Zonen. Und die Helfenden stossen auf ihren Rettungszügen immer wieder auf schreckliche Szenen. Wie jene in der Ortschaft Sinzig südlich von Köln, wo zwölf Menschen mit Behinderung nicht mehr rechtzeitig aus ihrem Wohnheim evakuiert werden konnten.

Schwimmen statt fahren auf der Bundesstrasse 236 bei Erftstadt.

Schwimmen statt fahren auf der Bundesstrasse 236 bei Erftstadt.

Marius Becker / DPA

Unweit davon, in Erftstadt-Blessem, haben gewaltige Erdrutsche apokalyptische Szenen geschaffen, als ob die Erde das halbe Dorf verschluckt hätte. Mehrere Wohnhäuser stürzten ein, ein Teil der mittelalterlichen Burg brach weg. Und während sich das Wetter in Rheinland-Pfalz leicht beruhigt, steigen die Pegel der Flüsse und Seen in Baden-Württemberg weiter.

Helfer untersuchen vom Boot aus weggespülte Autos auf der Bundesstrasse 236 bei Erftstadt.

Helfer untersuchen vom Boot aus weggespülte Autos auf der Bundesstrasse 236 bei Erftstadt.

Marius Becker / DPA

Kanzlerkandidaten nutzen die Krise

Begleitet wird die Tragödie von den in solchen Momenten üblichen politischen Ritualen. Es ist Freitag, Politbarometertag. Im anlaufenden Wahlkampf für die Bundestagswahlen im September vermeldet das ZDF im Zwei-Wochen-Turnus, wen die Deutschen gerne als Nachfolger von Kanzlerin Angela Merkel sähen, wenn sie gerade jetzt wählen dürften. CDU-Kandidat Armin Laschet liegt bei 37 Prozent, Olaf Scholz von der SPD bei 28, die Grüne Annalena Baerbock bei 18. Laschet hat drei Prozent zugelegt in 14 Tagen. Scholz zwei. Baerbock hat sechs verloren.

Ob die Kandidatin der Grünen, die im Wahlkampf voll auf das Thema Klimaschutz setzt, die Gunst der Stunde nutzen kann? Erst mal sieht’s nicht danach aus. Ihr Kontrahent Armin Laschet aber agierte geschickt in der Krise. Statt zur Klausur der bayerischen Schwesterpartei reiste er am Donnerstag ins Krisengebiet und watete mit Gummistiefeln und betroffenem Gesichtsausdruck durch die überschwemmten Strassen.

Anwohner aus Leichlingen helfen sich durch die Fluten der Wupper.

Anwohner aus Leichlingen helfen sich durch die Fluten der Wupper.

Roberto Pfeil / DPA

Zuerst besucht er die Familie eines Feuerwehrmannes, den die Fluten mitgerissen haben, nachdem er einen Menschen vor ihnen gerettet hatte. Das erzählt Laschet bei der Feuerwehr in Hagen. Und in die bereitstehenden Kameras. Und tags darauf gleich noch mal. Er muss sich sehr oft räuspern dabei. Dabei verpasste er keine Gelegenheit, die Wichtigkeit des Klimaschutzes in seiner Politik zu unterstreichen. Laschet, amtierender Regierungschef in Nordrhein-Westfalen, pries sein Bundesland als Porsche unter den Klimaschützern an.

Der Fluss Kyll hat Kordel in Rheinland-Pfalz überflutet.

Der Fluss Kyll hat Kordel in Rheinland-Pfalz überflutet.

Sebastian Schmitt / dpa

Die Politisierung solcher Katastrophenmomente hat im deutschen Wahlkampf eine lange Tradition. Helmut Schmidt klingt klar, fast ein bisschen schneidig, als er nach einer Woche eine erste Bilanz der Sturmflut zieht, die im Spätwinter 1962 Hamburg getroffen hat. «Leider», sagt Schmidt, Innensenator der Hansestadt, und blickt für einen Moment nach unten, «sind bisher 269 Tote zu beklagen.»

Zwölf Jahre später wird Schmidt der zweite SPD-Bundeskanzler. Sein Ruhm gründet in jener Februarnacht, als er die Bundeswehr zur Hilfe anforderte und damit auf die deutsche Verfassung pfiff.

Die Fluten haben an mehreren Orten ganze Brücken mitgerissen.

Die Fluten haben an mehreren Orten ganze Brücken mitgerissen.

Getty

Gerhard Schröders Gummistiefel-Moment

Bei seinen Flutauftritten vor Kameras trug Schmidt Anzug, Krawatte, Einstecktuch. Gerhard Schröder setzte bei seinem Katastrophen-Moment 2002 dann auf Gummistiefel. Bis heute ist die Republik überzeugt, dass Schröder 2002 seinen führenden Herausforderer Edmund Stoiber nur dank seines durchs Hochwasser stapfenden Auftritts geschlagen hat und nicht mit brillanter Regierungskunst.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (l.) bei seinem Besuch in den Hochwassergebieten. (Archivbild August 2002)

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (l.) bei seinem Besuch in den Hochwassergebieten. (Archivbild August 2002)

Keystone

Schröder selbst bestritt das auch zehn Jahre später noch. «Die Gummistiefel haben die Wahl nicht entschieden», sagte er. Eher, dass er nach seinem Besuch bei den sächsischen Opfern der Elbe-Flut eine geplante Steuerreform verschob – und mit dem Geld ein milliardenschweres Hilfspaket schnürte. Dass in Krisen die Exekutive am Zug und – falls sie ihr Handwerk beherrscht – auch im Vorteil ist, das zeigt auch das Beispiel von Angela Merkel nach fast anderthalb Jahren Pandemie.

Nun ist Laschet nicht Schröder. Und die Situation 2021 sowieso ganz anders. Niemand verteidigt das Kanzleramt. Und die drei aussichtsreichsten Anwärter bekleiden alle ganz andere Positionen. Armin Laschet hat sein Amt als regionaler Ministerpräsident vorzuweisen, Annalena Baerbock scheint als Grüne eine glaubwürdige Kämpferin für den Klimaschutz und Olaf Scholz kann als amtierender Vizekanzler grosse Geldversprechen machen.

Panzer in den deutschen Städten

Wem die ganze Tragik politisch nützt, ist komplett offen. Laut Politbarometer halten 78 Prozent der Deutschen die 2021er Wahl für besonders wichtig. Und 79 von hundert ihren Ausgang für absolut offen.

Derweil macht sich Deutschland daran, sich wieder aufzurappeln. Schnelle Soforthilfen sind gesprochen, freiwillige Helfer rund um die Uhr im Einsatz. Dazu kommen rund 850 Soldaten, die mit gepanzerten Fahrzeugen und Spezialmaterial mit anpacken. «Die Bundeswehr ist an der Seite der Deutschen, wenn sie uns brauchen, so lange es nötig ist», erklärt Generalleutnant Martin Schelleis. So nötig wie jetzt war’s schon lange nicht mehr.