Ukraine
«Unsere Männer kämpfen – und hier trinken die Leute Kaffee»

Ein Hilfskonvoi aus der Schweiz brachte Hilfsgüter in die ukrainische Stadt Sumy im Norden des Landes. Fabian Hägler war für die «Nordwestschweiz» mit dabei.

Fabian Hägler, Sumy
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Das Grab von Oberst Oleksandr Anischenko auf dem Friedhof von Sumy – er fiel in der Nähe von Slawjansk. Fabian Hägler

Das Grab von Oberst Oleksandr Anischenko auf dem Friedhof von Sumy – er fiel in der Nähe von Slawjansk. Fabian Hägler

An der Grenze zwischen Polen und der Ukraine ist das Wetter garstig: 5 Grad, tief hängende dunkle Wolken, immer wieder Regenschauer und heftiger Wind. Vor der geschlossenen Barriere auf der polnischen Seite, im kleinen Ort Medyka, stehen drei Lastwagen aus der Schweiz. Auf den Containern, die sie transportieren, ist zu lesen, dass sie humanitäre Hilfe in die Ukraine bringen. Hilfsgüter für Spitäler, Heime, Kindergärten und Schulen in der Stadt Sumy im Norden des Landes. Hinter den Lastwagen steht ein ausgemusterter Streifenwagen – gespendet von der Kantonspolizei St. Gallen, bestimmt für die Stadtpolizei Sumy. Darin fahre ich als «Nordwestschweiz»-Reporter mit dem Konvoi mit – eine 1000 Kilometer lange Fahrt durch ein Land, in dem Krieg herrscht.

Ich habe schon mehrere Hilfskonvois in die Ukraine begleitet, und auf den ersten Blick ist fast alles wie immer. Und doch: So patriotisch waren die Ukrainer früher nicht. Entlang der Landstrasse bis Lwiw (deutsch: Lemberg) sind viele ukrainische Flaggen zu sehen. Überall weht gelb und blau – gelb für die Getreidefelder der einstigen Kornkammer der Sowjetunion, blau für den Himmel darüber. In den Nationalfarben sind auch Geländer, Brücken, Bushäuschen und Zäune bemalt. Gelegentlich ist ein Plakat zu sehen, das einen ukrainischen Soldaten mit Helm zeigt, daneben die Aufforderung, sich bei den Mobilisierungsstellen der Armee zu melden.

Wir fahren an der Arena Lwiw vorbei, dem Fussballstadion, das extra für die Euro 2012 gebaut wurde. Jetzt spielt dort Schachtjor Donezk, die Mannschaft aus der über 1000 Kilometer entfernten Grossstadt in der Ostukraine, wo heute die Separatisten regieren. Vor gut einem Jahr war ich für eine Reportage in Donezk, bin ganz einfach dorthin geflogen, habe am Flughafen meinen Pass gezeigt und im Hotel neben dem Stadion von Schachtjor übernachtet. Beides wäre heute unmöglich: Der Flughafen ist völlig zerstört, die Stadt liegt in der «Volksrepublik Donezk», dorthin gelangt man aus der Ukraine nur über unzählige Checkpoints.

Von Kiew aus wären es noch rund 700 Kilometer in den Donbass. Doch unsere Route führt nach Norden, in die 300 000-Einwohner-Stadt Sumy. Dort warten die Spitäler auf das Material aus der Schweiz. Die Ausstattung ist trotz der Hilfskonvois vielerorts desolat. Dies zeigt ein Besuch im Bezirksspital: Ein Gebäude in miserablem Zustand, uralte medizinische Geräte, zu wenige Medikamente – es fehlt an allem. Die Patienten liegen auf alten Pritschen mit dünnen Matratzen auf einem Drahtgitter. Da sind die Spitalbetten hochwillkommen, die in der Schweiz ausgemustert wurden.

Zurück aus dem Krieg – im Sarg

Verletzte ukrainische Soldaten werden in Sumy nur wenige behandelt, die meisten kommen in Militärspitäler weiter im Osten. Aber die Opfer des Krieges werden hier beerdigt: gleich beim Eingang des städtischen Friedhofs legt eine Frau beim Grab eines 19-Jährigen zwei rote Tulpen nieder. Der junge Kämpfer ist ihr Sohn, er zog als Freiwilliger in den Krieg – und kam im Sarg zurück. Daneben gibt es weitere Gräber, alle mit den Bildern der Verstorbenen: auf einer Haubitze, mit dem Gewehr in der Hand, mit einer Panzerfaust auf der Schulter. «Slawa Ukraini, gerojam slawa», steht über einigen der Bilder. «Ehre der Ukraine, Ehre den Helden» – die Losung, die vor gut einem Jahr auf dem Maidan in Kiew immer wieder zu hören war.

«Es braucht mehr Autonomie»

Damals war auch Oleksandr Lysenko dort, der heutige Bürgermeister von Sumy. Lysenko ist Patriot, unterstützt Freiwillige aus seiner Stadt, die im Osten kämpfen – und doch sagt er: «Der Konflikt im Donbass kann nicht mit Waffen gelöst werden.» Für Lysenko ist klar, dass die Regionen Donezk und Lugansk ukrainisch bleiben müssen. «Das ist unser Land, wir werden das Gebiet nicht den Russen überlassen», gibt er sich kämpferisch. Er will die Separatisten-Gebiete aber nicht militärisch zurückerobern, sondern den Regionen mehr Freiheiten geben. «Es braucht mehr Autonomie für den Donbass, dafür weniger Zentralismus», sagt der Politiker.

Ganz anders sieht dies Jewgeni Skorobogatskij: Der 46-jährige Inhaber einer Liftbau-Firma und Familienvater hat sich als Freiwilliger bei der Armee gemeldet und ist vor zwei Wochen aus dem Kampfeinsatz zurückgekommen. «Es wäre längst an der Zeit, dass Präsident Poroschenko das Kriegsrecht ausruft», findet er. Von den Minsker Verträgen hält Skorobogatskij gar nichts: «Momentan ist es so, dass die Russen auf uns schiessen, auch mit Artillerie und Raketenwerfern, und wir dürfen nicht zurückschiessen.»

Er selber ist nur knapp dem Tod entgangen. «Ich streckte meinen Kopf aus der Luke, schaute mit dem Feldstecher auf die andere Seite, wo die Flaggen der Volksrepublik Donezk wehten, zog den Kopf wieder ein – und schon hörte ich, wie die Kugel eines Scharfschützen an mir vorbeizischte.» Dieses Erlebnis lässt ihn nicht los: Noch heute habe er jeden Abend Adrenalin im Blut, im Traum sitze er oft in seinem Schützenpanzer. Angst habe er aber nur am Anfang gehabt, vor dem ersten Gefecht, danach habe er sich immer mehr ans Leben in ständiger Gefahr gewöhnt.

«Die ukrainischen Soldaten sind mutig, besonders die Freiwilligen, aber die Ausrüstung der Armee ist katastrophal», klagt er. Es gebe keine kugelsicheren Westen, die Truppen würden in normalen Bussen transportiert, Nachtsichtgeräte, warme Kleider, Stiefel, Helme und Medizin-Kits würden von der Bevölkerung gespendet. Zudem fehlten moderne Waffen. Dennoch schien es im vergangenen Sommer, als könnten die ukrainischen Streitkräfte die Separatisten im Osten besiegen. «Wir haben sie zurückgedrängt, bis die Russen kamen», sagt Skorobogatskij – sein Vater ist Ukrainer, seine Mutter ist Russin.

Auf den Schlachtfeldern habe er selber Uniformen und Waffen der russischen Armee gefunden, seine Leute hätten Funksprüche abgehört und die Fahrzeuge des Gegners seien eindeutig mit russischen Kennzeichen markiert. «Ich verstehe nicht, dass es Leute gibt, die noch von Separatisten sprechen, das ist einfach lächerlich», sagt er frustriert. «Es sind reguläre russische Einheiten, gut bewaffnet, straff organisiert und mit sehr viel Nachschub. Wenn die Russen nicht hier wären, hätten wir schon lange gewonnen.»

«Wenn nötig, gehe ich wieder»

Skorobogatskij hat im Donbass auch mit der Zivilbevölkerung gesprochen. Diese sei gespalten. «In den Gebieten um Slawjansk, die wir befreit haben, war rund die Hälfte für die Ukraine, die Hälfte für Russland», räumt er offen ein. Dies schreibt er der russischen Propaganda zu, die im Donbass sehr stark ist. «Wenn die Leute den ganzen Tag im Fernsehen und Radio hören, dass die ukrainische Armee nur Gräueltaten verübt und die Regierung aus Faschisten besteht, glauben sie das irgendwann», sagt er. Auf der anderen Seite kritisiert Skorobogatskij auch die Ukrainer: «Ein paar hundert Kilometer weiter östlich kämpfen viele junge Männer für unser Land, und hier sitzen die Leute draussen und trinken Kaffee», sagt er bitter. Obwohl seine Frau oft geweint habe, und seine Kinder Angst hatten, ihren Vater zu verlieren, ist für Skorobogatskij klar: «Wenn es nötig ist, gehe ich wieder in den Krieg.»

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