Koreanisches Gipfeltreffen in Pjöngjang bringt ungeahnte Resultate

Nordkorea verspricht, seine Atomanlagen zu schliessen und internationale Inspekteure zuzulassen. Machthaber Kim Jong Un will noch in diesem Jahr Staatsgast in Seoul sein.

Angela Köhler, Tokio
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Südkoreas Moon Jae In (links) und Nordkoreas Kim Jong Un feiern einen diplomatischen Durchbruch. (Bild: Getty; Pjöngjang, 19. September 2018)

Südkoreas Moon Jae In (links) und Nordkoreas Kim Jong Un feiern einen diplomatischen Durchbruch. (Bild: Getty; Pjöngjang, 19. September 2018)

Verrückt! Sensationell! Atemberaubend! So kommentieren Südkoreas Medien die überraschend klaren Resultate am zweiten Tag des interkoreanischen Gipfels. In einer heute unterzeichneten gemeinsamen Erklärung vereinbarten der südkoreanische Präsidenten Moon Jae In und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, die geteilte Halbinsel von Atomwaffen befreien zu wollen. Im Anschluss unterzeichneten die Verteidigungsminister beider Seiten eine Übereinkunft, die Spannungen an der Grenze, vor allem bewaffnete Scharmützel, künftig verhindern sollen. Dazu dienen auch Puffer- und Flugverbotszonen. Ab 1. November sollen provokative Manöver im Gelben Meer und am 38. Breitengrad eingestellt werden.

Die vorsichtige Gipfeltaktik des südkoreanischen Staatschefs hat sich offenbar ausgezahlt: Öffentlich keine hohen Erwartungen schüren, dabei sanften, aber stetigen Druck ausüben. Und plötzlich zog Diktator Kim ein Ass nach dem anderen aus dem Ärmel. Die Testanlage Sohae an der nord­koreanischen Westküste, wo Raketenantriebe entwickelt werden, ­sowie die dort befindliche Start­rampe sollen unter Aufsicht von internationalen Inspekteuren vollständig abgewickelt werden. US-Experten hatten bereits im Juli Anzeichen dafür gesehen, dass die Demontage begonnen hat.

Wenn es ernst gemeint ist, soll sich Kim nach Angaben Moons sogar zum Abbau seiner landesweit wichtigsten Atomanlage in Yongbyon bereiterklärt haben. Dort stehen ein Nuklearreaktor, Anlagen zur Anreicherung von Uran sowie für die Wiederaufbereitung von waffenfähigem Plutonium. Ohne diesen Komplex wäre das nordkoreanische Atomprogramm praktisch am Ende. Moon spricht deshalb davon, dass eine «atomwaffenfreie Halbinsel keine Illusion mehr ist».

Existenzbürgschaft für das Kim-Regime

Allerdings ist das bisher nur eine Absichtserklärung von Kim Jong Un, öffentlich kundgetan von Präsident Moon. Unklar ist, wann der Betrieb von Yongbyon eingestellt werden soll. Und vor allem, was der Diktator dafür als Gegenleistung erwartet. Er soll von einem «Entgegenkommen» der USA und Südkorea geredet haben. Gemeint sein könnte ein zweites Gipfeltreffen mit US-Präsident Donald Trump, auf oder nach dem der Chef des Weissen Hauses für eine Aufhebung der globalen Sanktionen gegen Nordkorea eintritt. Zudem ist ein umfassender Friedensvertrag denkbar, der den Waffenstillstand von 1953 ablöst und damit den Koreakrieg endgültig beendet. Zudem erwartet Pjöngjang wahrscheinlich eine amerikanische Sicherheitsgarantie, die am Ende auf eine Existenzbürgschaft für das Kim-Regime hinauslaufen würde.

Zunächst erst einmal zeigte sich Donald Trump begeistert. Als «sehr aufregend» kommentierte der US-Präsident via Twitter die Ergebnisse dieses Gipfels. Ob das Resultat von Pjöngjang schon «bedeutende und überprüfbare Schritte in Richtung atomare ­Abrüstung» bedeutet, wie sie die USA verlangen, kann nur ein zweites Gipfeltreffen Trump–Kim klären, das angeblich für Mitte Oktober vorbereitet wird. Südkoreas Präsident Moon wird Trump kommende Woche am Rande der UNO-Vollversammlung in New York treffen und dabei seine Einschätzung übermitteln.

Klarer ist schon, was Nord­korea vom Süden erwartet: Wirtschaftshilfe ohne Ende, um seine marode Ökonomie zu sanieren und den Lebensstandard der rund 25 Millionen Nordkoreaner allmählich an den Südstandard anzupassen. Einige Kim-Wünsche könnten schnell erfüllt werden. So soll der gemeinsame Industriepark Kaesong wieder eröffnet werden, wo rund 50000 Nordkoreaner für südkoreanische Firmen einfache Industriegüter herstellen und damit dem Regime Devisen in die Kassen spülen. Wegen des Atomstreits hatte Seoul dieses Objekt im Februar 2016 auf Eis gelegt. Geht der Betrieb wieder los, würde dort als Schnittstelle eine Zugverbindung durch ganz Korea möglich.

Allerdings ist selbst für diese einfache Kooperation zwingend nötig, dass die Sanktionen gegen das Kim-Regime fallen. Aber das kann auf einem Korea-Gipfel nicht erreicht werden, sondern ist Washingtoner Chefsache. In jedem Fall aber wollen Kim und Moon den mühsam gesponnenen Gesprächsfaden weiter knüpfen. Noch in diesem Jahr könnte der Pjöngjanger Machthaber als erster Führer Nordkoreas die süd­koreanische Hauptstadt Seoul als Staatsgast besuchen. Mehr Zusammenarbeit soll es auch bei Sport und Kultur geben. Nord- und Südkorea wollen bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio eine gemeinsame Mannschaft bilden und sich zusammen für die Spiele 2032 bewerben.

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