Syrien
Um Assads Giftgas-Fabriken toben heftige Kämpfe

Ohne einen Waffenstillstand wird die vollständige Vernichtung von Präsident Assads Chemiewaffen kaum möglich sein. Die OPCW steht vor ihrer schwierigsten Aufgabe.

Michael Wrase, Limassol
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Die Vernichtung der syrischen C-Waffen unter der Aufsicht der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Organisation zum Verbot von chemischen Waffen (OPCW) verläuft bislang nach Plan. Für ihre Kooperation mit den Inspektoren der in Den Haag ansässigen Behörde verdiene die syrische Regierung «Anerkennung», sagte US-Aussenminister John Kerry. Er sei «hochzufrieden».

Bei der Demontage von chemischen Sprengköpfen und Flugzeugbomben in der Nähe von Damaskus hatten unter OPCW-Aufsicht arbeitende syrische Soldaten Schneidbrenner und Winkelschleifer eingesetzt. Auch einige Misch- und Abfüllanlagen für chemische Kampfstoffe wurden zerlegt und dann zerstört.

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Gewalt in Syrien: Chemiewaffen-Experten in Syrien eingetroffen
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Keystone

Nur ein kleiner Teil in Damaskus

Drei Lagerungs- und Produktionsstätten für C-Waffen haben die 40 OPCW-Experten und UNO-Mitarbeiter bislang in Damaskus besucht. Zwischenfälle wurden nicht gemeldet. Die syrische Regierung konnte die Sicherheit der Inspektoren bei ihrer lebensgefährlichen Aufgabe garantieren. In der syrischen Hauptstadt befindet sich aber nur ein geringer Teil der syrischen Massenvernichtungswaffen, die an mindestens 20 Orten der Bürgerkriegsrepublik aufbewahrt werden.

Die grössten Bestände lagern bei Aleppo, in der Ortschaft Safira, wo Mitte der 1980er-Jahre auf einem Hügelzug ein «Wissenschaftliches Forschungszentrum» errichtet wurde. In dem hermetisch abgeriegelten Komplex werden Sarin, Tabun und Senfgas hergestellt. In kilometerlangen Tunnelanlagen stehen mit Chemiewaffen geladene Scud-B-Raketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern.

Die Demontage und Vernichtung des Arsenals in Safira ist technisch aufwendig. Zur Beseitigung der Kampfstoffe müsste die OPCW spezielle Verbrennungsanlagen bauen. Ein Teil der C-Waffen muss vermutlich ausser Landes gebracht werden, was in Friedenszeiten kein Problem wäre.

Doch bei Safira verlaufen die Frontlinien: Die syrische Ortschaft, die etwa vier Kilometer von Assads «Forschungszentrum» entfernt liegt, wird teilweise von der mit al-Kaida liierten «Nusra-Front» sowie anderen radikal-islamischen Rebellen kontrolliert.

Einen Waffenstillstand lehnen die Aufständischen kategorisch ab. Sie fühlen sich durch den von Russland und den USA eingefädelten «Abrüstungsdeal» verraten, da sie nach dem Chemiewaffen-Angriff vom 21. August fest mit einer Militäraktion des Westens gerechnet hatten. Wutentbrannt schlossen sich viele Rebellen der Kaida an, die jetzt bei Safira die vielleicht grösste Produktionsstätte von chemischen Kampfstoffen der Welt bedroht.

Vernichtung nicht möglich

Eine Vernichtung der Anlagen in Safira unter der Aufsicht der OPCW ist daher gegenwärtig kaum vorstellbar. Auch wenn die meisten Kampfstoffe unterirdisch gelagert werden, könnten gezielte Angriffe mit Mörserraketen zu einer Katastrophe führen.

Das weiss auch die Assad-Armee, die vor zehn Tagen bei Safira eine Grossoffensive gestartet hat. Seither kommt es immer wieder zu schweren Gefechten um die Stadt, weil die Rebellen das Vordringen der syrischen Armee nach Aleppo unbedingt verhindern wollen. Auch vor diesem Hintergrund kommt für die Aufständischen ein Waffenstillstand nicht infrage.

Selbst eine Inspektionsfahrt zu den Anlagen von Safira ist den OPCW-Experten im Moment nicht zuzumuten. Sollte es der Assad-Armee nicht gelingen, das Gebiet um die Ortschaft langfristig zu sichern, dürfte die bei Damaskus so erfolgreich begonnene Vernichtung des syrischen C-Waffen-Arsenals bei Safira scheitern. Zwei Drittel der auf mehr als 1000 Tonnen geschätzten Massenvernichtungswaffen würden dann in einer Kampfzone bleiben, die die Kaida-Milizen in ein islamisches Kalifat nach dem Vorbild der Taliban eingliedern wollen.