Ukraine-Krieg
Noch ist der Donbass nicht verloren

An der Schlacht um die Stadt Sewerodonezk erinnert vieles an die Belagerung von Mariupol. Aber die Situation ist eine ganz andere.

Kurt Pelda
Kurt Pelda
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Nach dem Asow-Stahlwerk nun die Azot-Chemiefabrik: Russische Truppen in der Ukraine verausgaben sich, um politische Ziele zu erreichen, die einen geringen militärischen Wert haben. Die Stadt Mariupol im Süden des Donbass wurde 85 Tage lange belagert und das dortige Asow-Stahlwerk am Schluss von den Ukrainern aufgegeben.

Wiederholt sich nun alles im Azot-Chemiewerk in Sewerodonezk?

Auf den ersten Blick gibt es einige Parallelen. Ähnlich ist vor allem, dass es die russische Politik ist, die diese Städte um jeden Preis erobern will beziehungsweise wollte. Aus ukrainischer Sicht war Mariupol aufgrund seiner geografischen Lage von Anfang an verloren, und bei Sewerodonezk ist das ähnlich. Dass die Ukrainer – und vor allem ihre «internationale Legion» – im Azot-Chemiewerk ausharren, gehört zu Strategie, den Russen kein Gebiet kampflos zu überlassen. Ausserdem kämpft es sich für den waffenmässig unterlegenen Verteidiger in überbautem Gebiet leichter als auf offenem Feld.

Für Moskau ist Sewerodonezk wichtig, weil es die letzte Stadt in der Region Luhansk ist, die es noch nicht vollständig kontrolliert. Diese Region bildet zusammen mit der benachbarten Oblast Donezk das Gebiet Donbass, das Bassin des Donez-Flusses. Der Donez markiert die westliche Grenze der umkämpften Stadt mit dem Chemiewerk. Präsident Putin hat als Kriegsziel ja die Eroberung des ganzen Donbass deklariert. In der nördlichen Region Luhansk ist das schon fast gelungen, bis eben auf Sewerodonezk.

Hier enden aber die Vergleiche mit der Belagerung von Mariupol. Die südliche Hafenstadt war schon kurz nach Kriegsbeginn eingeschlossen und Dutzende Kilometer von den nächsten ukrainischen Truppenverbänden entfernt. In Sewerodonezk stehen die Ukrainer aber schon jenseits des Flusses, nur wenige Kilometer entfernt. Noch können die Verteidiger des Azot-Chemiewerks also entkommen.

Die Ukrainer benützen den Donez als natürliche Verteidigungslinie. Die Stadt mit dem Chemiewerk östlich des Flusses ist für sie entbehrlich. Ihnen geht es nur darum, Zeit zu gewinnen und die Russen so lange aufzuhalten, bis die ersehnte schwere Artillerie aus dem Westen eintrifft. Ein Teil dieser modernen Systeme ist bereits im Einsatz, aber das reicht nicht, um die zahlenmässig weit überlegene russische Artillerie auszuschalten.

«Die russischen Gebietsgewinne sind nach zwei Monaten der ­Offensive immer noch sehr ­bescheiden.»

Im Donbass spielen Geschütze und Raketenwerfer im Moment die entscheidende Rolle, anders als noch bei der Schlacht um die Hauptstadt Kiew. Die Russen greifen in relativ kleinen Gruppen an, und wenn sie auf ­Widerstand stossen, ziehen sie sich zurück und lassen ihre Kanonen die Arbeit erledigen.

Mit einer ausreichenden Zahl westlicher Artilleriesysteme, die eine grössere Reichweite haben als die alten russischen ­Haubitzen, werden die Ukrainer einen entscheidenden Vorteil haben. Dafür braucht es allerdings nicht nur Zeit, sondern auch Aufklärungsdrohnen, mit denen sich die russischen Geschützstellungen ausfindig machen lassen. Ist deren genaue Position erst einmal bekannt, können die von Frankreich, Polen oder den USA gelieferten schweren Waffen die russischen Kanonen zum Schweigen bringen.

Anders als es im Moment vielleicht scheint, ist die seit Mitte April tobende Schlacht um den Donbass für Kiew noch nicht verloren. Die Ukrainer müssen wegen der russischen Artillerie zwar hohe Verluste in Kauf nehmen, aber den Russen ist bisher kein einziger grösserer Durchbruch gelungen. Versuche, den Donez mit Pontonbrücken zu überqueren, endeten im Desaster. Und die russischen Gebietsgewinne sind nach zwei Monaten der Offensive immer noch sehr bescheiden. Die wichtigsten Städte des umkämpften Gebiets – Kramatorsk und Slowjansk – befinden sich nach wie vor in ukrainischer Hand.

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