Ukraine-Krieg
Mehr als 100'000 tote Soldaten: Erschütternde Opferbilanz auf beiden Seiten

Erstmals seit längerem macht die Ukraine offizielle Angaben zu ihren Verlusten an der Front. Auf russischer Seite überschreitet die Anzahl der Kriegstoten eine kritische Grenze. Hinzu kommen Zehntausende Getötete in der Zivilbevölkerung.

Bojan Stula
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Zwei Ukrainerinnen trauern an Allerheiligen auf dem Lychakew-Friedhof in Lwiw am Grab eines getöteten ukrainischen Soldaten.

Zwei Ukrainerinnen trauern an Allerheiligen auf dem Lychakew-Friedhof in Lwiw am Grab eines getöteten ukrainischen Soldaten.

Bild: Mykola Tys/EPA

Nach über neun Monaten Krieg in der Ukraine muss davon ausgegangen werden, dass auf beiden Seiten mehr als 100'000 Soldaten an der Front getötet worden sind. Laut Angaben des ukrainischen Präsidentenberaters Mychailo Podoljak rechnet das eigene Oberkommando dabei mit bis zu 13'000 toten ukrainischen Soldaten.

Gleichzeitig nennt das ukrainische Verteidigungsministerium auf Feindesseite 90'900 getötete Russen. So sollen insbesondere die schweren Kämpfe rund um Bachmut die Opferzahlen auf russischer Seite in den vergangenen Tagen mit mehr als 600 Toten täglich in die Höhe getrieben haben.

Viele davon sollen unerfahrene Mobilisierte sein, die rücksichtlos ins ukrainische Abwehrfeuer geschickt wurden. Von russischer Seite erfolgen dazu jeweils keine Angaben, gleichzeitig werden die ukrainischen Zählungen als falsch in Abrede gestellt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Zählung des russischsprachigen Dienstes der britischen BBC. Indem die Moskauer Redaktion nur die in Russland publizierten Todesmeldungen und Bestattungsanzeigen zusammenzählt, hat sie bis Ende November die Namen von rund 9300 getöteten russischen Armeeangehörigen zusammengetragen. Die Dunkelziffer dürfte aber wesentlich höher sein, wie sie selber aufgrund eigener Nachforschungen auf russischen Friedhöfen schreibt.

Zehntausende getöteter ukrainischer Zivilistinnen und Zivilisten

Mit seiner Nennung der ukrainischen Kriegstoten im Sender «Kanal 24» hat Podoljak in der widersprüchlichen Diskussion um die Opferzahlen eingegriffen. Am vergangenen Mittwoch hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärt, bisher seien 100'000 ukrainische Soldaten getötet worden. Von der Leyens Büro musste aber diese Äusserung noch am gleichen Tag korrigieren: Von der Leyen habe mit dieser Zahl sowohl Tote als auch verletzte Ukrainer gemeint.

Wenn man von der üblichen militärischen Zählweise ausgeht, dass in Kämpfen auf ein Drittel tote Soldaten zwei Drittel Verwundete kommen, muss in beiden Armeen mit 200'000 Verletzten und mehr gerechnet werden. Detaillierte Angaben hierzu fehlen auf beiden Seiten.

In diese ohnehin schon erschütternde Bilanz müssen noch all die getöteten und verletzten Zivilistinnen und Zivilsten in der Ukraine hinzugezählt werden. Deren Zahl bezifferte US-Generalstabschef Mark Milley vergangenen Monat auf bis zu 40'000. Damit nähert sich die Gesamtzahl der Opfer des russischen Überfalls auf die Ukraine rapide jenen insgesamt 200'000 Todesopfern an, welche die Kriege und Konflikte auf dem Balkan während eines ganzen Jahrzehnts zwischen 1991 und 2001 gefordert haben.

Ein weiterer ebenso neuartiger wie trauriger Aspekt des Ukraine-Krieges sind die bis zu 5000 Frauen, die auf ukrainischer Seite an vorderster Front eingesetzt werden und entsprechend immer häufiger zu Kriegsopfern werden. Diverse ukrainische und osteuropäische Newsdienste zitieren den ukrainischen Verteidigungsminister Oleksiy Reznikow, welcher jüngst 101 getöteten Soldatinnen Respekt zollte, die seit dem 24. Februar im Kampf gefallen sind.

Mit Material der DPA.