ÜBERSCHWEMMUNGEN
Die Fluten fordern mindestens 27 Todesopfer in Belgien: Ein Land im Schockzustand

In der belgischen Wallonie sieht es teilweise aus wie in einem Kriegsgebiet. Wegen Einsturzgefahr vieler Häuser gestalten sich die Aufräumarbeiten als schwierig. Mit weiteren Opfern wird gerechnet.

Remo Hess, Brüssel
Merken
Drucken
Teilen
Die Opferzahlen dürften in den kommenden Tagen noch ansteigen. Einwohner von Verviers spenden sich Trost.

Die Opferzahlen dürften in den kommenden Tagen noch ansteigen. Einwohner von Verviers spenden sich Trost.

Keystone

Das Ausmass der Katastrophe ist jetzt für alle sichtbar: In dem südlichen Landesteil Wallonie und in Ostbelgien haben die Überschwemmungen mancherorts ein Bild wie nach einer Bombenexplosion hinterlassen. Besonders stark traf es die Provinz Lüttich an der Maas mit ihrer gleichnamigen Hauptstadt (franz. Liège).

Die etwas südlich gelegene Gemeinde Pepinster wurde teilweise zerstört. Die Weser wälzte sich hier als meterhohe Flut durch die Stadt. Etliche Häuser stürzten ein und wurden weggespült. Die Rettungsarbeiten wurden im Verlauf des Freitags zwar weitgehend abgeschlossen. Das Aufräumen gestaltet sich aber schwierig.

Am frühen Samstagabend berichteten Medien über Hilferufe aus einem kurz zuvor eingestürzten Haus. Kurz vor Mitternacht musste die Suche erfolglos aufgegeben werden. Es könne nicht mehr damit gerechnet werden, die unter den Trümmern vermutete Person noch lebend bergen zu können, so der Einsatzleiter. Allein in Pepinster und dem benachbarten Verviers verloren mindestens 12 Menschen durch die Flutkatastrophe ihr Leben.

Die Zerstörung in Pepinster in der belgischen Wallonie ist massiv.

Die Zerstörung in Pepinster in der belgischen Wallonie ist massiv.

Keystone
Etliche Menschen haben ihr Zuhause verloren.

Etliche Menschen haben ihr Zuhause verloren.

Keystone

Über 100 Personen werden noch vermisst

In ganz Belgien waren Stand Sonntagnachmittag nach offiziellen Angaben 27 Todesopfer zu beklagen. Medien berichteten von mindestens 35 Toten. Der Katastrophenschutz geht davon aus, dass die Zahl in den kommenden Tagen noch ansteigen wird und Tote gefunden werden könnten, die entlang der Wasserläufe über längere Strecken mitgerissen worden sind. Rund 100 Personen werden noch vermisst. Unter ihnen dürften sich aber auch viele befinden, die von ihren Kommunikationsmitteln abgeschnitten wurden. Am kommenden Dienstag, einen Tag vor dem belgischen Nationalfeiertag, soll eine landesweite Trauer stattfinden.

Premierminister Alexander De Croo besuchte zusammen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Samstag die Region. Er dankte den Rettungskräften für ihren unermüdlichen Einsatz und sprach den Einwohnern Mut zu. Die Europäische Union werden beim Wiederaufbau an der Seite Belgiens stehen sagte von der Leyen und stellte eine Aktivierung des Solidaritätsfonds in Aussicht.

Total sind in Belgien über 120 Gemeinden von den Überschwemmungen betroffen. Rund 37'000 Haushalte waren am Sonntag noch ohne Strom. Manche Gemeinden sind wegen weggespülten Strassen nur schwer zu erreichen. Probleme gibt es vielerorts auch mit der Trinkwasserversorgung.

Solidarität ist riesig – gewarnt wird von «wilden »Hilfsaktionen

In all der Tragik gibt es aber auch Geschichten, die Mut machen. Sowie wie jene vom 22-jährigen Bauernsohn Antoine, der mit seinem Traktor in der Gemeinde Chaudfontaine über 30 Personen vor den Fluten rettete, darunter eine mit Zwillingen hochschwangere Frau, die bereits in den Wehen lag.

Auch das belgische Königspaar war in Pepinster und sprach den Menschen Mut zu.

Auch das belgische Königspaar war in Pepinster und sprach den Menschen Mut zu.

Keystone

Allgemein ist die Solidarität unter der Bevölkerung riesig. 8500 Personen haben sich beim Roten Kreuz gemeldet, um vor Ort Unterstützung zu leisten. Helfer und von der Flut betroffene Anwohner werden von der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und dem Nötigsten versorgt. Die Stadt Lüttich startete sogar einen Aufruf, «wilde» Hilfeleistungen zu unterlassen, da die Arbeit der Einsatzkräfte zunehmend behindert wurde.

Gleichzeitig stellt man sich auch in Belgien die Frage, ob die Notfallkonzepte ausreichend vorhanden waren. An manchen Orten mussten lange auf Hilfe gewartet werden. Es gibt Berichte von Personen, die mit ihren Familien die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf ihren Hausdächern ausharren mussten, bevor sie gerettet werden konnten.

Das Wasser reichte bis in die Obergeschosse.

Das Wasser reichte bis in die Obergeschosse.

Keystone