Deutschland-Wahl
TV-Duell Merkel gegen Schulz: Der Nächste, bitte!

TV-Duelle sind für Angela Merkel kalkulierte Niederlagen: Gewinnen muss sie nicht, allzu grosse Euphorie darf die Gegenseite aber auch nicht mitnehmen. Einschläfern und Zermürben lautet daher die Devise.

Fabian Hock
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Angela Merkel gegen Martin Schulz: Am Sonntagabend kommt es zum Showdown im Fernsehen.

Angela Merkel gegen Martin Schulz: Am Sonntagabend kommt es zum Showdown im Fernsehen.

Das Fernsehduell am Sonntagabend wird das insgesamt vierte von Angela Merkel. Sollte sie gewinnen, wäre das Neuland für die Kanzlerin.

Der Zweikampf, Auge in Auge mit einem Widersacher, entspricht nicht Merkels Naturell. Sie ist nicht gut darin. Folglich nahmen die bisherigen drei Duelle allesamt denselben Ausgang: Merkel verlor. 2005 unterlag sie dem amtierenden Kanzler Gerhard Schröder, vier Jahre später dem heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. 2013 konnte sie nicht einmal die «Deutschlandkette» retten: Trotz ihrer viel beachteten Halskette in Schwarz-Rot-Gold, die sich Merkel zum Duell ganz patriotisch um den Hals geschlagen hatte, lag am Ende Herausforderer Peer Steinbrück vorn.

Bräuchte es eine Definition, könnte sie so lauten: TV-Duell in Deutschland ist, wenn Merkel im verbalen Schlagabtausch gegen einen von der SPD verliert – es den Leuten aber egal ist. Denn so sehr sich ihre Kontrahenten in den Duellen auch abstrampelten: Die anschliessenden Wahlen gewann Merkel jeweils souverän.

Zweikampf verloren, Wahl gewonnen: Angela Merkels Duell-Historie Merkel vs. Schröder (2005): Gegen Gerhard Schröder war Angela Merkel mit einem echten Klotz am Bein in den Wahlkampf gezogen: ihrem als «Professor aus Heidelberg» verspotteten Schatten-Finanzminister Kirchhof. Als Schröder begann, dessen Steuermodell im TV-Duell auseinanderzunehmen, hatte er die Sympathien auf seiner Seite. Schröder gewann, verlor aber die Wahl.
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Zweikampf verloren, Wahl gewonnen: Angela Merkels Duell-Historie Merkel vs. Steinmeier (2009): Frank-Walter Steinmeier war nie als brillanter Rhetoriker aufgefallen. Der damalige Aussenminister bemühte sich aber, die auf Kuschelkurs gegangene Kanzlerin aus der Reserve zu locken. Das Duell entschied er nach Meinung der meisten Beobachter für sich, aus der Regierung flog seine SPD trotzdem: Merkel koalierte nach der Wahl mit der FDP.
Zweikampf verloren, Wahl gewonnen: Angela Merkels Duell-Historie Merkel vs. Steinbrück (2013): Die «Deutschlandkette»: Sie war der Hingucker des Kanzlerduells 2013. Eine Halskette in Schwarz- Rot-Gold, deren Trägerin ansonsten nicht wegen grosszügiger Verwendung von Symbolik aufgefallen war. Peer Steinbrück entlockte ihr eine Absage an die PKW-Maut, die Merkel später trotzdem guthiess. Eine Vorlage für Martin Schulz? (FHO)

Zweikampf verloren, Wahl gewonnen: Angela Merkels Duell-Historie Merkel vs. Schröder (2005): Gegen Gerhard Schröder war Angela Merkel mit einem echten Klotz am Bein in den Wahlkampf gezogen: ihrem als «Professor aus Heidelberg» verspotteten Schatten-Finanzminister Kirchhof. Als Schröder begann, dessen Steuermodell im TV-Duell auseinanderzunehmen, hatte er die Sympathien auf seiner Seite. Schröder gewann, verlor aber die Wahl.

Keystone

Am Sonntag versucht der nächste SPD-Mann, der Kanzlerin auf den letzten Metern des Wahlkampfes noch irgendwie beizukommen. Das Duell dürfte für Martin Schulz die allerletzte Chance sein, das Momentum noch auf seine Seite zu ziehen – auch wenn inzwischen selbst bekannte SPD-Leute die Hoffnung auf die Kanzlerschaft begraben haben (siehe Text links). Schulz indes glaubt an seinen Sieg. Immer noch. Seit Wochen probt er seinen Auftritt. Dafür steht ihm gar ein eigener Medientrainer zur Seite, heisst es.

Ob es was hilft? Ein Blick in Merkels Duell-Historie dürfte Schulz ernüchtern: Wenn selbst ein Sieg ohne Folgen bleibt – sprich: die anschliessende Wahl verloren geht – was soll das Ganze dann?

Es scheint egal zu sein, wer das Duell am Sonntag gewinnt – siegt Schulz, ist es so wie immer; siegt Merkel, ist die Wahl ohnehin gelaufen. Aber nicht so schnell: Klar, ein knapper Sieg kann Schulz nicht an Merkel heranbringen. Doch dass ein souveräner Auftritt ein paar Prozentpunkte bringen kann, stellte zuletzt Peer Steinbrück unter Beweis. Der lag vor dem Duell aussichtslos hinter Merkel zurück, danach konnte er sich zumindest ein klein wenig heranrobben.

Mit fragwürdigen Mitteln

Bedenkt man nun, dass sowohl Steinbrück als auch Steinmeier Merkel zwar schlagen konnten, aber unterm Strich alles andere als begeisternd auftraten, existiert schon so etwas wie ein unerforschtes Gebiet in Merkels Lummerland, das früher einmal Wahlkampf hiess: Was, wenn Schulz die Amtsinhaberin nach allen Regeln der Kunst vorführt?

Dumm für Schulz ist, dass es so weit kaum kommen kann. Denn Merkel hat vorgesorgt. Jegliche Bestrebungen der übertragenden Sender ARD, ZDF, RTL und Sat1, dem TV-Duell einen Rahmen zu geben, der eine lebhafte Diskussion zuliesse, hat die Kanzlerin abgewürgt: Die Sender wollten zwei Duelle statt eines – Merkel wollte nicht. Dann wenigstens das eine Duell in zwei Blöcke aufteilen, um «mehr Raum für Spontanität und Vertiefung» zuzulassen? Merkel lehnte ab. Die Auseinandersetzung vor Publikum austragen? Das hätte der Kanzlerin gerade noch gefehlt.

Steril wie in der «Tagesschau»

Bei sämtlichen Neuerungen stellte sich Merkel quer. Sollten die Sender trotzdem darauf bestehen, komme sie einfach nicht, liess sie ausrichten. Der frühere ZDF-Chefredaktor Nikolaus Brender sprach im «Spiegel» von «Erpressung durch das Kanzleramt».

Merkel ists egal: Auf einen direkten Schlagabtausch vor jubelnden Massen, der jene Eigendynamik entstehen lassen könnte, die Schulz für seinen Erdrutschsieg bräuchte – darauf lässt sich Merkel nicht ein. Stattdessen setzte sie ihre Vorstellung durch, wie ein Rededuell auszusehen hat: Ein Mensch hinter einem Tisch liest Sachen vor. Dann ist der andere dran. Wie in der «Tagesschau».

Was bleibt dem Herausforderer da noch übrig? Kann er sich vielleicht von anderen Duellanten dieses Jahres etwas abschauen? Donald Trump schlich hinter Hillary Clinton herum, zog Grimassen und grunzte ins Mikrofon, bis es seiner Herausforderin sichtlich unbehaglich zumute war. Für Schulz ist das jedoch keine Option. Auch Norbert Hofer taugt nicht als Vorbild: Sein Gegenüber mit Beleidigungen zu überziehen, wie es der österreichische Präsidentschaftskandidat mit Alexander van der Bellen tat, dürfte in Deutschland kaum honoriert werden.

Und es kommt noch dicker für Schulz, denn auch inhaltlich dürfte er einen schweren Stand haben. Wie soll er etwa in der Flüchtlingspolitik punkten? Merkel steht sowohl für Willkommenskultur, die sie erst kürzlich erneut verteidigte: Sie würde alles wieder ganz genau so machen wie 2015, als sie die Grenzen öffnete. Gleichwohl steht sie für das Zurückdrehen dieser Politik der offenen Arme, denn im Nachgang der umstrittenen Grenzöffnung unternahm sie viel, um die Willkommenskultur im Land abzuwürgen. Wo soll Schulz hier ansetzen?

«Merkel, die Umfallerin»

Kommt hinzu, dass alles, was Schulz kritisieren könnte, letztlich auf seine eigene Partei zurückfällt. Die SPD war mit Ausnahme von vier Jahren Schwarz-Gelb (CDU/CSU und FDP) seit dem Jahr 2000 in Regierungsverantwortung. Wirtschaft? Rente? Alles Bereiche, die zuletzt ein SPD-Minister verantwortete. Und Merkel hat es irgendwie geschafft, die (SPD-)Erfolge in diesen Bereichen glaubhaft für sich zu vereinnahmen.

Dem Mann aus Würselen bleibt am Sonntag eigentlich nur ein Mittel: Lücken in Merkels Deckung suchen. Eine Steilvorlage lieferte ihm Peer Steinbrück während des Duells 2013: Er brachte Merkel dazu, sich klar von der Maut zu distanzieren. Dann kam sie doch. «Merkel die Umfallerin» – das wäre ein Ansatz. Ob das jedoch reichen wird, um die Wende im Wahlkampf einzuläuten? Man kann es sich kaum vorstellen.

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